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Litauen

  • Königlich polnische Post

  • Kaiserlich russische Post

  • Deutsche Besetzung / Ob. Ost

  • Unabhängige Republik Litauen

  • Mittellitauen

    Dieses Sammelgebiet, ehemals ein Stiefkind der Baltikum- und Polen-Philatelie, ist durch die Arbeit von Gerhard Hahne (†) dem Vergessen entrissen worden. Intensive Forschungen von polnischen, litauischen, deutschen und US-amerikanischen Philatelisten haben Mittellitauen inzwischen zu einem seriösen Sammelgebiet werden lassen, das auch heute noch ohne größeren Aufwand zu vervollständigen ist und dabei mit vielen interessanten Spezialitäten aufwartet.


    Politische Geschichte

    Das kurzlebige Markenland Mittellitauen, polnisch Litwa Šrodkowa, entstand im Zuge der Neuordnung Europas nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Über Jahrhunderte Regierungssitz und Kernland des Großfürstentums Litauen, wurde das „Wilnagebiet“ mit dem Ende des ersten Weltkrieges zum Zankapfel zwischen den neu entstehenden Nationalstaaten Litauen und Polen. Das Verhältnis der Länder zueinander war aufgrund der beiderseitigen Ansprüche auf die Gebiete um Wilna, Grodno, Sejny und Lida zerrüttet. Der Völkerbund erwies sich als zu schwach, eine dem Selbstbestimmungsrecht der Völker angemessene Lösung zu finden. Folglich setzte die jeweils vorherrschende Macht ihre Interessen mit Waffengewalt durch und fror den Konflikt ein, ohne ihn zu lösen.

    Karte Sprachen und nationale Bewegungen im 19. Jahrhundert

    Karte Sprachen und nationale Bewegungen im 19. Jahrhundert
    (Ausschnitt; Quelle: Informationen zur Politischen Bildung 225 (1989) S. III)

    In den zwischen Litauen und Polen umstrittenen Gebieten lebten Litauer, Polen, Juden, Deutsche und Russen.

    In den Jahren während und nach dem Ersten Weltkrieg wechselten die Herren in Wilna (litauisch Vilnius, polnisch Wilno) mehrmals:

    Jahr Datum Ereignis
    1915 18.10. Deutsche Truppen erobern die Stadt.
    1919 4.–5.1. Hauptstadt Litauens unter litauischer Hoheit
    5./6.1. Im Zuge des sowjetisch-polnischen Krieges von der Roten Armee besetzt (bis 19.4.). Die litauische Regierung muss nach Kaunas ausweichen.
    19.4. polnisch besetzt (bis 14.7.1920)
    1920 15.7.–25.8. Besetzung durch die Rote Armee
    25.8. Übergabe der Stadt von der Roten Armee an Litauen, litauische Hoheit bis 8.10.1920
    9.10. Besetzung durch Truppen des polnischen Generals Lucjan Želigowski
    10.10. Proklamation des Staates „Mittellitauen / Litwa Šrodkowa“
    20.10. Die (polnische) Militärverwaltung übernimmt den Postdienst.
    1922 24.3. Anschluss Mittellitauens an Polen. Kein Postverkehr zwischen Litauen und Polen bis 1938.
    1939 17.9. Sowjetische Truppen besetzen den Ostteil Polens, darunter das Wilna-Gebiet.
    10.10. Übergabe des Wilna-Gebietes durch die Sowjetunion an Litauen; Vilnius ist wieder Hauptstadt Litauens.
    1940 14.6. Einmarsch sowjetischer Truppen in Litauen
    3.8. Eingliederung als Litauische SSR in die Sowjetunion

    Postgeschichte

    Das Gebiet um Vilnius/Wilno/Wilna wird im Folgenden, wie im deutschen Sprachraum üblich, als „Wilna-Gebiet“ bezeichnet. Dessen Grenzen veränderten sich infolge mehrerer Waffenstillstände und Verträge im Laufe der Jahre mehrfach. Die hier abgebildete Karte umfasst das Gebiet, das Litauen 1939 von der Sowjetunion erhielt. Die Postorte sind für Stempelsammler und Prüfer von Belang:

    Karte Das Gebiet um Vilnius/Wilno/Wilna mit Postorten

    Das Gebiet um Vilnius/Wilno/Wilna mit Postorten
    (Quelle: Fugalewitsch/Bechstedt, Handbuch der Poststempel in Litauen, S. 308)


    Vorläufer

    Als Vorläufer Mittellitauens können polnische und litauische Poststücke aus dem Zeitraum vom 4. Januar 1919 bis zum 9. Oktober 1920 betrachtet werden. Diese sind äußerst selten. Gleiches gilt in noch höherem Maße für Poststücke aus den Zeiträumen sowjetischer Besetzung während des polnisch-sowjetischen Krieges 1919/20.

    Polnische Ganzsache vom 5.10.1919 von Wilno nach Frankfurt

    Polnische Ganzsache vom 5. Oktober 1919 von Wilno nach Frankfurt

    Brief von Vilnius nach Frankfurt mit litauischer Frankatur, aufgegeben am 6.10.1920

    Brief von Vilnius nach Frankfurt mit litauischer Frankatur, aufgegeben am 6. Oktober 1920, wenige Tage vor dem Einmarsch General Želigowskis


    Der Staat Mittellitauen / Litwa Šrodkowa

    Als im Friedensvertrag von Suwalki vom 8.10.1920 auf Veranlassung des Völkerbundes das Gebiet um Wilna Litauen zugesprochen wurde, marschierten am 9. Oktober polnische „Freiwilligenverbände“ unter General Lucjan Želigowski in die Stadt Wilna und das sie umgebende Gebiet ein.

    Die am 10. Oktober von General Želigowski eingesetzte provisoriche Regierung proklamierte am 12. Oktober 1920 den „unabhängigen“ Staat „Mittellitauen / Litwa Šrodkowa“, dessen Parlament am 20. Februar 1922 für den Anschluss an Polen stimmte. Dieser wurde am 16. April 1922 vollzogen. Die Briefmarken Litauens verloren mit Ablauf des 18. April 1922 ihre Frankaturgültigkeit.

    Von da an bis zur erneuten Besetzung des Gebietes durch sowjetische Truppen im September 1939 fanden ausschließlich polnische Postwertzeichen Verwendung, ab dem 10. Oktober 1939 erneut litauische Postwertzeichen.

    General Želigowski

    General Želigowski (Quelle: Lietuvos Istorijos Atlasas 2001, S. 21)

    Einmarsch der polnischen Truppen in Wilna

    Michel-Nr. 42B Einmarsch polnischer Truppen in Wilna; im Hintergrund die Kathedrale

    Proklamation General Želigowskis „an das Volk Mittellitauens“ mit aufgeklebten Marken Mi-Nrn. 1-3

    Proklamation General Želigowskis „an das Volk Mittellitauens“ mit aufgeklebten Marken Michel-Nummern 1-3

    Am 20. Oktober 1920 nahm mit Herausgabe der ersten Markenserie die eigenständige Postverwaltung Mittellitauens ihre Tätigkeit auf. Sie brachte es binnen zweier Jahre auf 47 Hauptnummern im Michelkatalog.

    Deren Hauptzweck war die Devisengewinnung. Man bedruckte nahezu alle verfügbaren Papiere und gab die Marken bis auf eine Serie gleichzeitig geschnitten und gezähnt heraus.

    Michel-Nummer 1A

    Michel-Nr. 1A

    Michel-Nummer 2A

    Michel-Nr. 2A

    Michel-Nummer 3A

    Michel-Nr. 3A

    Die wenigen echt gelaufenen Poststücke sehen infolge der Zeitumstände oft unansehnlich aus und sind selten und teuer.

    Auslandsbrief von 1922 mit Stempel Wilno e

    Portorichtig frankierter Brief von WILNO 1 *e* 20 I.22

    Mi-Nr. 24A im Kehrdruck mit Überdruck 'Na Slask'

    Michel-Nr. 24B im Kehrdruck mit Überdruck 'Na Slask' ('Für Schlesien')


    Die meisten Marken sind gefälligkeitsgestempelt und verdienen nicht das Prädikat „künstlerisch wertvoll“.

    Dies ist wahrscheinlich mit ein Grund dafür, dass das Sammelgebiet lange Zeit ein Schattendasein führte.

    Michel-Nummer 29A

    Michel-Nr. 29A als Rotkreuz-Sonderausgabe

    Michel-Nummer 30A

    Michel-Nr. 30A als Rotkreuz-Sonderausgabe

    Michel-Nummer 12

    Michel-Nr. 12

    Michel-Nummer 13

    Michel-Nr. 13


    Nach der überstürzten Räumung Wilnas durch die litauische Verwaltung am 9. Oktober 1920 blieben Restbestände der 3. und 4. Berliner Ausgaben zurück. Ein Briefmarkenhändler initiierte deren Überdruck und schuf damit die einzige teure Serie Mittellitauens.

    Deren höchste Wertstufe zu 10 Mark, überdruckt auf Marken zu 1 Auksinas, 3 und 5 Auksinai, sind heute die Schlüsselwerte einer Sammlung Mittellitauens, obwohl sie nicht am Postschalter erschienen.


    Von fast allen Marken gibt es Essays und Makulatur (Druckausschuss), beides gerne in Auktionen angeboten und als Illustration einer Sammlung durchaus sinnvoll:

    Mi-Nr. Porto 6A Makulatur

    Portomarke, Michel-Nr. 6B, Mehrfachdruck DDDDD, Druckausschuss


    Da die Stempel von Postorten aus dem Wilnagebiet außerhalb von Wilna sehr selten sind, aber auf preiswerten Stücken immer noch zu finden sind, ist hieraus ein interessantes Sammelgebiet entstanden.

    Mi-Nr. 44B mit Stempel Nowa Wilejka

    Michel-Nr. 44A B, entwertet in NOWA WILEJKA **a 11 3 22


    Die Warwiszki-Ausgaben

    Im März 1923 teilte der Völkerbund die vormals entmilitarisierte Zone Warwiszki zwischen Polen und Litauen auf. Dabei sollte Warwiszki Litauen zufallen, was zu einem Aufstand polnischer Freischärler führte, die am 27. März den Ort vollständig niederbrannten.

    Der Führer des Aufstands, Chmura, veranlasste die Herausgabe der Aufdruck-Marken in den Wertstufen zu 50, 100 und 200 Polnischen Mark auf Polen Michel-Nr. 172-174, um die Gebühren für die Beförderung der Post unter Verschluss zum nächsten polnischen Postamt in Sopoćkinie zu begleichen.

    Gebrauchte Marken müssen daher neben dem violetten Stempel von Warwiszki stets den schwarzen Stempel von Sopockinie tragen. Bisher sind weniger als fünf derartige Briefe bekannt geworden.


    Ausblick

    Nach dem Eintritt Mittellitauens in den polnischen Staat am 24. März 1922 wurden polnische Marken verwendet:

    Polnische Ganzsache

    Polnische Ganzsache, auffrankiert mit einer Marke zum Tode des Staatsgründers Józef Piłsudski, der aus Wilna stammte.

    Mit Übergbe des Wilna-Gebietes durch die Sowjetunion an Litauen am 10. Oktober 1939 fanden erneut litauische Postwertzeichen Verwendung.

    Auslandsbrief vom 13.1.1940 aus Vilnius nach Kopenhagen

    Auslandsbrief vom 13. Januar 1940 aus Vilnius nach Kopenhagen

    Die litauische Hoheit endete erneut mit dem Einmarsch der Roten Armee in Litauen am 14. Juni 1940. Die Postverwaltung der litauischen SSR war integraler Teil der Postverwaltung der UdSSR.

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