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Estland

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  • Lagerpost / Esten im Exil

    Als sich das Kriegsglück 1944 gegen die Deutschen wendete und die sowjetischen Truppen immer weiter nach Westen vorrückten, entschlossen sich viele Esten, die Flucht nach Westen anzutreten – schließlich hatten die meisten mit Deutschland kooperiert und nun begründete Furcht, dass die Russen mit ihnen ähnlich verfahren würden wie 1940/41, als die Führungsschicht der Esten nach Sibirien deportiert oder gleich liquidiert wurde.

    Schon vor der Landung in der Normandie war den Alliierten bewusst, dass sie in Deutschland viele Menschen aus aller Herren Länder vorfinden würden (man rechnete mit 11 Millionen Menschen). Das Supreme Headquarter, Allied Expeditionary Forces (SHAEF) beschloss, diese in Sammellagern zusammenzufassen und sie so bald wie möglich in ihre Heimatländer zurückzusenden (zu repatriieren). SHAEF bezog auch andere Organisationen in die Abwicklung dieser Maßnahmen ein, vor allem die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), eine Abteilung der am 9.11.1943 gegründeten Vereinten Nationen, deren erste Teams im April 1945 im besetzten Deutschland eintrafen. Sie betreuten im Mai 1946 mit 279 Teams insgesamt 765.000 Personen in Sammellagern (siehe Grafik). Am 30.6.1947 stellte die UNRRA ihre Tätigkeit in Deutschland ein; ab da übernahm die International Refugee Organization (IRO) die Betreuung der heimatlosen Ausländer.

    In Deutschland wurden die Balten in Sammellagern für "Displaced Persons" (DP-Lagern) einquartiert. DPs waren im strengeren Sinne Menschen, die in Deutschland als Zwangsarbeiter tätig waren oder von den Deutschen mit Gewalt ins Reichsgebiet verschleppt worden waren. Im weiteren Sinne gehörten dazu aber auch Personen, die freiwillig im Reichsgebiet für die Deutschen gearbeitet hatten, bei der deutschen Wehrmacht gedient hatten oder vor den Russen aus den baltischen Staaten geflohen waren.

    Die Esten wurden beispielsweise in Baden-Württemberg in Geislingen/Steige in von Deutschen zu räumende Siedlungen einquartiert, in Bayen in Lagern in Altenstadt/Schongau, Augsburg/Hochfeld, Kempten und Nürnberg-Langwasser, in Hessen in Hanau, in Niedersachsen in Leese und Oldenburg u.a.m. (Insgesamt gab es Hunderte von DP-Camps, siehe beispielsweise diese Liste oder die nebenstehende Grafik.) Die in Deutschland gebliebenen Balten hatten an einer Repatriierung jedoch verständlicherweise wenig Interesse, solange die Sowjetunion die baltischen Staaten besetzt hielt.

    Karte von DP-Camps

    DP-Lager in Deutschland

    (Quelle: Edward C. Crommelin, www.crommelin.org)

    Nach jahrelangem Aufenthalt in den DP-Lagern wurde den Flüchtligen klar, dass sie zumindest in absehbarer Zeit nicht in ihre angestammte Heimat zurückkehren würden. Da Deutschland durch den Krieg völlig verwüstet war, die deutsche Bevölkerung für die eigenen Flüchtlinge kaum Wohnraum und Arbeit hatte und die deutsche Wirtschaft zerstört war, war ein Verbleiben der DP's in Deutschland nicht möglich. Ab September 1946 wurde das Auswandern in ein anderes europäisches Land oder nach Übersee beworben; dies wurde 1947 noch verstärkt. Nach Untersuchung der Gesundheit und Überprüfung der politischen Vergangenheit konnte eine Auswanderung stattfinden, meist über das Auswandererlager Ludwigsburg. Esten wanderten vor allem nach Schweden, in die Vereinigten Staaten von Amerika, nach Kanada und nach Australien aus. Kleinere Gruppen verblieben in Deutschland oder Dänemark usw.

    (Quellen:
    – Ernits, Erich 1948: 3 aastat Geislingenis (3 Jahre in Geislingen). Göppingen. Druck: Gebr. Bott. Auch im Internet unter URL: www.digar.ee/viewer/et/nlib-digar:269143/249071/page/1.
    – Stille, Bernhard 1994: Vom Baltikum ins Schwabenland. Estenlager und Ausquartiertenschicksal in Geislingen 1945–1950. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Geislingen/Steige Band II. Weißenhorn: Konrad-Verlag.)

    Weiterführende Informationen:
    – Kromm, Max & Vogt, Harald 2002(?): Estland. Sie blieben Esten auch im Ausland der Heimat verbunden nach Flucht und Exil ab 1944/45. Philatelistische Zeugnisse. Heide: Paul von Sengbusch Verlag.
    – Webseite über DP-Camps, im Internet unter URL: www.dpcamps.org/dpcampseurope.html
    – Wikipedia zu DP-Lagern, im Internet unter URL: de.wikipedia.org/wiki/DP-Lager
    – Goeze, Dorothee M. 2011, Der Alltag estnischer Displaced Persons. Die Sammlung Hintzer im Herder-Institut Marburg. In: Õpetatud Eesti Seltsi Aastaraamat / Annales Litterarum Societatis Esthonicae 2010 (S. 173-201). Tartu. Auch im Internet unter URL: www.ut.ee/OES/wp-content/uploads/Goeze4.pdf
    – Tõnismäe, Signe 2015: Estonian displaced persons in post-war Germany. Master's thesis. University of Tartu, EuroCollege, European Studies, im Internet unter URL: mobile.dspace.ut.ee/bitstream/handle/10062/46905/Tonismae_Signe%20_2015.pdf


    Die estnische Lagerpost

    Stellvertretend für die estnische Lagerpost in Deutschland wird hier aus dem Buch "Stille, Bernhard 1994: Vom Baltikum ins Schwabenland. Estenlager und Ausquartiertenschicksal in Geislingen 1945–1950. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Geislingen/Steige Band II. Weißenhorn: Konrad-Verlag." zitiert (Text und Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Verlags):

    Stadtplan Geislingen 1945

    Wohngebiete und Gebäude in Geislingen, die von den Esten belegt wurden auf einem im Jahr 1945 (!) zweifarbig gedrucktem Geislinger Stadtplan.

    Postbote Estenpost 1945

    Der estnische Postbote brachte die Briefe in die verschiedenen Lagerstadtteile.

    Da einerseits die drei Stadtteile Schloßhalde, Wilhelmshöhe und Rappenäcker weit auseinanderlagen, andererseits den Geislinger Postboten das Betreten des Estenlagers verboten war, richtete die UNRRA-Lagerverwaltung ein eigenes Lagerpostamt ein, das mit der deutschen Post der Stadt Geislingen zusammenarbeitete. Die gesamte sogenannte Estenpost wurde mit dem Postwagen vom deutschen Postamt zum estnischen Postamt gebracht und dort von den Lagereinwohnern persönlich abgeholt, später durch Briefträger den Empfängern zugestellt. Pakete mussten die Esten während der ganzen Lagerzeit immer persönlich abholen.

    Anfänglich, als der Postverkehr mit dem Ausland noch nicht zugelassen war, reichten einige von der UNRRA bedienstete Postbeamte aus, die ein- und ausgehende Post zu bewältigen. Als jedoch in den Jahren 1946/47 der internationale Postverkehr freigegeben wurde und die von den Auslandsesten in USA und Schweden abgesandten Pakete in größeren Mengen eintrafen, musste die estnische Lagerverwaltung weitere Postbeamte einstellen. Diese wurden aber von der UNRRA nicht mehr entlohnt. Deshalb musste die Estenpost sich neue Einnahmequellen schaffen. So kam es, dass die estnische Lagerverwaltung sich mit Genehmigung der UNRRA zur Ausgabe eigener Lagerpostmarken entschloss.

    Die Marken waren von dem Esten Aleksander Daniel entworfen und erschienen am 4. November 1947. Sie zeigten ein von zwei Wölfen gejagtes Pferd, eine symbolische Darstellung der von den Russen verfolgten Esten. Die Bezeichnung der Marken: ESTONIAN National Assembly Center Geislingen/Stg., zu deutsch: ESTNISCHES nationales Sammellager Geislingen/Steige, daneben das estnische Staatswappen, die drei Leoparden im Brustschild.

    Die Marken wurden ohne Wertangaben in den Farben grün, rosa und rot gedruckt. Die grünen wurden für 10 Pfennige verkauft und dienten zur Frankatur von Postkarten, Briefen und Drucksachen für die Post innerhalb des Lagers. Die rosa Marken wurden zu 25 Pfennigen verkauft und dienten zur Einziehung von Strafporto. Dies war die Tagesgebühr für liegengebliebene Pakete. Da man keinen Raum hatte, die in Mengen eintreffenden Pakete zu lagern, andererseits auch kein Fahrzeug, um diese zuzustellen, war man darauf angewiesen, dass die Empfänger die Pakete möglichst rasch abholten. Dem dienten auch die roten Marken, die zur Deckung von vier Tagen Lagergebühr verkauft wurden und 1 Mark kosteten. Ihre Auflage war sehr gering.

    Zur Entwertung der Marken hatte man sich beim Geislinger Postamt einen Rundstempel mit dreizeiligem regulierbarem Datum ohne Ortsangabe ausgeliehen.

    Lagermarken Geislingen 1947

    Die estnischen Lagerpostmarken dienten zur Freimachung von Briefen innerhalb des Lagers sowie zur Erhebung von Strafporto für liegengebliebene Pakete.

    Briefstück Geislingen 1948

    Ganz selten ist die Kombination einer estnischen Lagerbriefmarke mit einer Marke der Deutschen Post, da die Lagermarken normalerweise nur innerhalb des Lagers Verwendung fanden.

    Der komplette Dreiwertesatz ist wegen der kleinen Auflage sehr selten. Noch seltener sind echt gelaufene Ganzsachen, die ja nur mit den grünen Marken frankiert werden konnten. Die meisten Briefumschläge wurden aber von der überwiegenden Mehrzahl der damaligen Lagerbewohner achtlos weggeworfen, da sie für viele wertlos waren.

    Außerdem galten die Marken der Estenpost nur innerhalb des Lagers; * für Post nach anderen deutschen Orten oder ins Ausland musste man die Marken der amerikanischen Besatzungszone / Deutsche Post kleben. Es kam nur ganz selten vor, dass eine Estenmarke neben einer der Deutschen Post vom Geislinger Postbeamten gestempelt wurde, weil der Absender der irrtümlichen Meinung war, er müsse sowohl mit der estnischen als auch mit der deutschen Marke frankieren.

    Als am 24. Juni 1950 das estnische Sammellager aufgelöst wurde, hörte auch die Estenpost auf. Die Restbestände der grünen Lagermarken wurden zwischen den damaligen Postbeamten und anderen Interessenten verteilt; die rosa und roten Marken waren restlos aufgebraucht. Der Stempel wurde dem deutschen Postamt zurückgegeben. So endete ein eigentümliches Kapitel des Geislinger Postwesens.

    * * *


    * Harald Vogt berichtet in seinem Artikel "Estland – 1944 – 1991" in "Eesti Post Nr. 33/2001" , dass die Lagerpostmarken (zumindest in anderen Lagern) auch als Zuschlagsporto für einkommende Express-Briefe und Telegramme sowie als Zuschlagsporto für ausgehende Geldüberweisungen verwendet wurden.


    Esten im Exil

    Im Exil wurden Veranstaltungen wie Sängerfeste und Pfadfindertreffen durchgeführt und häufig auch Organisationen etabliert, die sich um die Aufrechterhaltung der Heimatkultur kümmerten. Philatelistische Vereinigungen wurden gegründet, die natürlich keine Postwertzeichen herausgeben konnten, aber Vignetten, Schmuckumschläge, Nebenstempel oder auch Stempeln der offiziellen Postverwaltungen mit Motiven aus der estnischen Kultur veranlassten. Sie produzierten auch Publikationen, veranstalteten Ausstellungen, feierten Jubiläen und anderes mehr.

    Besonders zu nennen sind:

    EFÜR – Eeesti Filatelistide Ühing Rootsis (Estnische Philatelistische Vereinigung in Schweden)
    EPS–NY – Estonian Philatelic Society in New York (Estnische Philatelistische Vereinigung in New York)
    Eestin Keräilijät – Estnischer Sammlerverein in Finnland
    und Gruppierungen in Kanada und Australien.


    Beleg zum 75. Jubiläum der Estnischen Nationalflagge 'Eesti Lipp', die am 4. Juni 1884 erstmals in Otepää in den Farben blau (wie der Himmel) - schwarz (wie die Stiefel der Bauern) - weiß (wie der Schnee) wehte.

    Absender und Produzent der Vignette ist die Estnische Philatelistische Gesellschaft in New York.

    Beleg 1959 von New York nach München

    Beleg von der Estnischen Philatelistischen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten, die im Estnischen Haus in New York residierte, an den in Petrograd geborenen, in München als Apotheker tätigen Esten Georg Kuik.

    Beleg 1963 von Paterson / N.Y. nach Heidelberg

    Brief von August E. Pensa, Mitglied der Estnischen Philatelistischen Gesellschaft in den Vereinigten Staa­ten und Herausgeber der "Marginalien der Estnischen Philatelistischen Gesellschaft" (1959-1960) an den estnischen Historiker Arnold H. Joonson beim (heute nicht mehr existierenden) sprachwissenschaftlichen Verlag "Võitleja" (= Kämpfer) in Heidelberg..


    Beleg zum 100. Jubikäum eines der ersten est­ni­schen Sän­ger­fes­te im Jahr 1863 in der Dorf­ge­mein­de Anseküla auf der Halbinsel Sõr­ve (Insel Saaremaa).

    Produzent des Aufdrucks ist ebenfalls die Estnische Philatelistische Gesellschaft in New York.


    Beleg zum 10- jährigen Be­ste­hen der 1954 in Stock­holm ge­grün­de­ten Est­ni­schen Phila­te­lis­ti­schen Ge­sell­schaft in Schwe­den "EFÜR", die dieses Jubiläum mit einer Brief­mar­ken­aus­stel­lungswoche (22. – 29. No­vem­ber 1964) feierte.

    Beleg 1964 von Stockholm nach East Cannington / Australien

    Brief des schwedischen Sammlers Harry A. Malm von der Briefmarkenausstellung in Stockholm an den aus Valga stammenden, 1949 über Italien nach Australien ausgewanderten Paul-Sigfrid Lanno.

    Messsebeleg 1979 von der 'Baltpex VI' in Toronto

    Messebeleg mit Einladungs-Werbestempel für die Ausstellung vom 7.–8. April 1979 in Toronto, einem Schmuck-Zudruck und einem runden Messestempel.


    Messebeleg der "Baltpex 6", einer an wechselnden Standorten, aber häufig in Toronto stattfundenden Briefmarken­aus­stellung, welche die gesamte The­ma­tik der Phi­la­te­lie Est­lands, Lett­lands und Li­tau­ens abbildete.

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