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Reiseberichte

Die nächste Reise?

Ob und wann die nächste gemeinsame Reise in das Baltikum folgt, bestimmen Sie. Freiwillige Organisatoren wenden sich bitte an den Vorsitzenden der ArGe Baltikum.


im Bus in Riga

Im Bus in Riga, 2014

Wenn Sie eine individuelle oder Gruppenreise ins Baltikum planen, bietet z.B. die Seite wikitravel.org/de/Baltikum grundlegende Reiseinformationen.



Reise durch das Baltikum 2014

Eine Auswahl von Friedhelm Doell aus über 1200 Bildern von Karl Lukas. Wenn Sie nach dem Anschauen dieser Bilder auch Lust auf eine solche Reise bekommen haben, ... geklappt!

Wer hat's erkannt? Der Jägala-Wasserfall schmückt auch das Titelbild dieses Webs!

Tag 6 ist um, aber dies ist erst Station Nr. 17 – ab jetzt wird das Programmtempo deutlich erhöht...

Nach vielen kleinen Stationen ging es wieder ans Meer, nun in Litauen, ... ... bevor die Abendsonne zeigt, was Naturschönheit bedeutet.

Reise der Forschungsgemeinschaft Litauen

Nach mehreren Anläufen und längerer Organisationsphase konnte sich eine kleine Gruppe von 8 Teilnehmern auf die kommenden 12 Tage freuen, die uns durch Litauen führen sollte. Da die erste Reise schon acht Jahre zurücklag, wollten wir Gutes wiederholen, zu kurz Gekommenes intensiver erleben, aber auch Neues erkunden. Ein erstes kleines Treffen der Kölner und Hamburger Gruppe fand schon auf dem Kopenhagener Flughafen statt, im Gegensatz zu den hier oft üblichen hektischen Transitwechseln mit viel Zeit für Kaffee- und Rauchpausen (die uns in nächster Zeit noch oftmals erfrischende Unterbrechungen bescheren sollten).


Vilnius

Kloster

Bernhardiner-Kloster mit Kirche St. Anna

Der Transfer vom Flughafen Vilnius führte zur Überraschung aller in ein nobles Kloster-Hotel am Rande der Altstadt. Dieser Komfort und diese Lage waren wirklich unerwartet. Ein erster Gang durch die Stadt zeigte eine von Grund auf mit viel Sinn fürs Historische restaurierte Metropole, die sich auf ihre Rolle als eine der Kulturhauptstädte 2009 vorbereitet. Komplettiert wurde unsere Runde durch die Ankunft von Thomas Löbbering am Abend und das Eintreffen von Leonas Veržbolauskas am nächsten Morgen nach einem opulenten Frühstück im Klosterinnenhof.


Leonas erwies sich in den nächsten Tagen als guter Geist der Gruppe, als Dolmetscher und Berater, der sich abwechselnd den Beinamen "Professor" oder "Bergziege" einhandelte.

Leonas

Leonas Veržbolauskas

Die nächsten zwei Tage (Sonntag, Montag) waren Vilnius gewidmet, da wir während der letzten Reise nur unglaubliche drei Stunden für diese Stadt übrig gehabt hatten. Unsere örtliche Reiseleiterin führte uns bei strahlendem Wetter fachkundig durch die Stadt (ein Lob hier an das Reisebüro Mare Baltikum, die uns immer kompetente und umgängliche Begleiter organisiert hatte!).

Die Stadt zeigte sich einmal mehr gut gerüstet für das große Ereignis im folgenden Jahr, in dem Litauen sein 1000jähriges Bestehen feierte: fast alle Baustellen waren verschwunden, alle Gebäude fertig restauriert, die wir vor acht Jahren noch hinter bröckelnden Fassaden oder Betonmischern gesehen hatten, die Zahl der Straßencafes und Restaurants nun noch größer. Leider sollte das Schloss des Mindaugas an der Kathedrale zum nächsten Jahr nicht vollendet werden.

Reisegruppe

Die Reisegruppe in Vilnius

Natürlich nutzten mehrere unserer Mitglieder die zwei Tage, um in Antiquariaten und Buchläden nach Schätzen zu suchen. Erstaunlicherweise ist im Gegensatz zu Lettland und Estland kaum Material in der Stadt! Es gab entweder keine Antiquariate, oder sie hatten dauernd geschlossen, eine Erfahrung, die sich auch in anderen Städten wiederholte. Jäger kamen auf dieser Reise jedenfalls zu kurz.


Dafür kündigte sich schon in Vilnius ein zweites Hauptthema dieser Reise neben der Philatelie an: kulinarische Genüsse hat das Land im Überfluss zu bieten, und das zu moderaten Preisen in gemütlicher Umgebung, freundlich serviert.

Eines mussten die zeitgeplagten Mitteleuropäer allerdings gleich zu Anfang lernen: ein gutes Essen will frisch zubereitet sein, und so mussten wir uns daran gewöhnen, mindestens eine dreiviertel Stunde auf das Essen zu warten und die Zeit mit alus (=Bier) oder einem Pfeifchen zu verkürzen.

Kloster

Zeppelinai (Cepelinai, "Zeppeline"): mit Hackfleisch oder Quark gefüllte Kartoffelklöße

Gediminas-Turm

Der Gediminas-Turm auf dem Burgberg, ein Wahrzeichen von Vilnius


Versandstelle

Versandstelle der Post in Vilnius

Philatelistisches

Drei philatelistische "Events" gab es während des Vilnius-Aufenthaltes für die Gruppe: zuerst trafen wir im Nationalmuseum die Leiterin der Abteilung Philatelie, die uns ein entstehendes Buch über die Zeit bis 1940 mit außergewöhnlichen Beleg-Abbildungen präsentierte ("... so ein Stück hätte ich auch gerne in meiner Sammlung .." war ein klassisches Zitat hierzu).

Zum Zweiten nutzte Bernhard "Tony" Fels seine "Kuchenkontakte", um uns in die Versandstelle der litauischen Post zu führen. Dort werden nicht nur Abonnenten versorgt, sondern auch die Expedition der Marken in die Rayonpostämter vorgenommen. Natürlich kann man auch selbst Marken und Stempel bekommen.

Dort zeigten sich zwei besondere Highlights:

Auf einem Regal fanden wir eine Druckmolette für die Mare Balticum-Markenheftchen, schön poliert und von dem dortigen Personal völlig unbeachtet! Unser begeistertes Interesse stieß jedenfalls auf freundliches Unverständnis.

Druckmolette

Stempel und Druckmolette der Mare-Balticum-Markenheftchen

Dann ging es in ein Archiv, und in so einem Archiv sind gewiss nur wenige Philatelisten gewesen! Wir durften die Weltpostvereinsbestände der litauischen Post besichtigen und wurden freundlich aufgefordert, doch munter in den Alben zu blättern, was dann auch geschah.

Das Zentralverteilerpostamt in Vilnius war auch ein Programmpunkt, den uns Tony Fels ermöglicht hatte. Eine überaus freundliche Direktorin begrüßte uns, führte uns überall herum und ließ uns nach Herzenslust fotografieren und sogar selbst stempeln! Manch einer verabschiedete sich im Angesicht der Stempelfülle von dem Gedanken, so etwas sammeln zu wollen.

Tony Fels

Der Schriftführer der ForGe Litauen, Tony Fels


Einzig unser Schriftführer ließ nie locker.

Archiv

Archiv der litauischen Post mit den Mustern des Weltpostvereins von Briefmarken aus aller Welt

Dieser Besuch bescherte uns jedenfalls ein außerordentliches Erlebnis: einen unschätzbaren Einblick in die Interna der litauischen Post.


Burg Trakai und Druskininkai

Am Dienstag, den 22.7. machten wir uns dann auf zu dem historischen Ort Litauens schlechthin, der Wasserburg Trakai. Restaurierte Burg und Ausstellungssäle vermitteln einen eindrucksvollen, modern präsentierten Einblick in die litauische Geschichte. Leider waren wir zu unserem Leidwesen nicht die einzigen Interessenten!

Wasserburg Trakai

Wasserburg Trakai

Kohlsuppe im Schwarzbrottopf

Kohlsuppe im Schwarzbrottopf

Das Mittagessen brachte uns auf Empfehlung von Leonas die köstliche und bodenständige karäische Küche näher, mit Kohlsuppe im gebackenem Schwarzbrottopf.

Schönheitswasser

Schönheitswasser

Weiter ging es dann nach Druskininkai zur verdienten Erholung, denn dieser Kurort mit seiner schönen landschaftlichen Lage am Memelufer und seinem "Schönheitswasser" strahlt eine Ruhe und Beschaulichkeit aus, die ihresgleichen sucht.

Vorher gelang ein Besuch bei einem landesweit bekannten Holzschnitzer, der beeindruckende Werke, geschnitzt aus Baumholz, zu bieten hat.

Holzschnitzerei

Holzschnitzerei

Programmgemäß und erwartet beeindruckend erwies sich die Besichtigung des "Grūtas-Parks", eines europaweit bekannten Geländes, auf dem Statuen, Skulpturen und Devotionalien aus der Sowjetzeit von dem "Pilz-Millionär" Viliumas Malinauskas gesammelt sind (der dafür den Ig-Nobelpreis erhielt).

Lenin-Teppich

Lenin-Teppich im Grūtas-Park

Auch Druskininkai bietet eine philatelistische Seite in Form der Wirkungsstätte von Vytautas Kazimieras (Kažys) Jonynas, einem litauischen Künstler, der die Freimarkenserien der Französischen Zone entworfen hat. Diese sind nach Meinung vieler Philatelisten einige der schönsten Marken Deutschlands!

Nach anfänglicher Enttäuschung (das Museum war geschlossen) gelang es Leonas aber wie so oft, eine Museumsangestellte aufzutreiben, die aber über ihre Bestände kaum Bescheid wusste. Entwürfe gab es dort leider nicht, aber einen guten Überblick über das künstlerische Werk (einschließlich Skizzenblock und Holzbeitel).


Kaunas

Nach einem geruhsamen Tag in Druskininkai ging es nun bei strahlendem Wetter nach Kaunas, der ehemaligen Hauptstadt. Der Bus lud uns an einem Hotel der Extraklasse in der Nähe der Fußgängerzone ab; die nächsten zwei Tage konnte jeder selbst gestalten. Angeboten wurden ein Besuch der Gedenkstätte des Forts IX und eine Stadtführung. Hier fanden einige von uns nun tatsächlich die vermissten Antiquariate, so dass nun auch die fällige Präsentation der erworbenen Stücke wie auf anderen Reisen üblich stattfinden konnte.

Die Stadt selbst bietet für historisch interessierte Touristen und Philatelisten Einiges (siehe den Bericht über den Besuch von Kaunas im Sommer 2000).

Die monumentale Basilika, ein eindrucksvolles Beispiel der Hauptstadtarchitektur der 30er Jahre, war nun fertig, geweiht und mit der Standseilbahn gut zu erreichen.

Präsident Smetona mit Antanas. Zmuidzinavicius

Präsident Antanas Smetona im Gespräch mit Antanas Žmuidzinavičius

Preisfrage: Was hat dieser Herr mit litauischer Philatelie zu tun?

Postkastenleerung

Postkastenleerung

Basilika

Basilika Kaunas

Auch der Präsidenten-"Palast", eher ein Herrenhaus am Eingang zur Altstadt, war nun zu besichtigen und beeindruckte durch eine Bildergalerie im Garten, unter anderem mit der Abbildung einer Postkastenleerung mit Chauffeur (siehe Abb.).

Ein später Höhepunkt war das Treffen mit dem philatelistischen Verein im Postmuseum von Kaunas, dessen Mitglieder nicht im erwarteten festlichen Outfit anzutreffen waren (wofür hatte ich eigentlich mein Jackett mit auf die Reise genommen?), sondern sich schwitzend mit der Aufstellung von Ausstellungstafeln beschäftigten. An den extra für uns ausgestellten Sammlungen entsponnen sich sogleich temperamentvolle bis hitzige Diskussionen, denn es wurden bemerkenswerte und teilweise noch nie gesehene Stücke der Extraklasse geboten ( ".... so etwas hätte ich auch gerne in meiner Sammlung ...."), worauf der offizielle Teil fast vergessen wurde, der dann durch Herrn Uspuras gekonnt abgekürzt wurde.

Der Austausch mit den dortigen Philatelisten lieferte uns unschätzbare neue Erkenntnisse, der Kaffee kam dabei auch nicht zu kurz...


Memelland und Kurische Nehrung


Nun kam ein weiterer Höhepunkt unserer Reise, die Fahrt ins Memelland und die Kurische Nehrung. Die Sonne meinte es wieder gut mit uns und zeigte das Memeltal in saftigem Grün. Gehandelt und erworben wurde natürlich auch auf der Fahrt!

Nach einem Zwischenstopp in Heydekrug / Šilutė mit dem schönsten Postamt des Memellandes und fast den besten Zeppelinai erreichten wir das Delta, wo uns eine wunderschöne Bootsüberfahrt direkt nach Nida erwartete.

Reisegruppe

Gebräunt, relaxed, erholt


Nun sollten drei Tage Erholung kommen, nur holte uns der im Grutas-Park vergangen geglaubte Sozialismus noch einmal ein in Form des Hotels, in dem wir eine ungewollte Zeitreise unternahmen.

Die Nehrung selbst ist zu Recht ein Touristenschwerpunkt mit wunderschöner Landschaft, alten Fischerhäusern und perfektem Essen; hier rückte das Kulinarische in Ermangelung von Antiquariaten endgültig in den Vordergrund der Reise.

Wir lernten wieder neue Kreationen kennen, z. B. Chef-Schweinebraten mit Kirschsoße und Bacon-ummantelte Banane auf Mini-Fritten.

Die Nehrung als Natur-Kleinod sei jedem ans Herz gelegt, zumal durch den Flughafen Palanga leicht zu erreichen. Durch das Eintreffen unseres hochmotivierten und außerordentlich gut informierten Reiseführers, des Marine-Offiziers a.D. Herrn Bohlmann, waren die Waffengattungen in unserer Gruppe nun komplett (Heer, Marine, Luftwaffe, Presse, Zoll, Zivildienst). Herr Bohlmann brachte uns in einer ganztägigen Exkursion mit manch einer schweißtreibenden Dünenwanderung die Nehrung näher.


Klaipėda (Memel)

Nach dem Frühstück beim postsozialistischen Realismus brachen wir dann am Dienstag, den 29.7. nach Kleipėda / Memel auf, nicht ohne das eindrucksvolle Meeresmuseum an der berühmten Mole an der Hafenausfahrt besucht zu haben.

Bei der anschließenden Stadtführung zeigte Herr Bohlmann eins ums andere seine genauen Kenntnisse, führte uns in eine Kunstgalerie, in der Thomas Löbbering gleich eine Verschönerung für sein Heim erwarb, in das alte (nettes Personal) und das neue (unfreundliches Personal) Postamt sowie als Abschluss in ein Kellergewölbe mit perfektem Essen, von einem ukrainischen Koch selbst ersonnen.

Den Tag schloss eine lockere Bierrunde auf dem Marktplatz gegenüber dem "Ännchen" ab.


Zurück nach Vilnius

Am nächsten Tag, Mittwoch den 30.7., machte sich doch so etwas wie Abschiedsstimmung breit, denn es ging wieder zurück nach Vilnius. Auf dem Weg verabschiedeten wir unseren "Professor" Leonas. Wir bedanken uns bei ihm für seine unschätzbare Hilfe, seine liebenswürdige Art und wünschten ihm weiterhin soviel Energie und gute Gesundheit!

Marktplatz Memel

Marktplatz Kleipėda mit Ännchen von Tharau

Blick auf das Schloss in Vilnius

Blick von der Gediminasburg auf das Schloss in Vilnius

Die verbleibende Zeit bis zum Abflug am nächsten Tag nutzte jeder, um anfangs Unterbliebenes nachzuholen. Ich fuhr endlich auf die Gediminasburg und konnte das entstehende Schloss in seinem ganzen Umfang erblicken.

Der Besuch des "Signatarhauses" in der Fußgängerzone, das nun endlich geöffnet hatte, erwies sich als außerordentlicher Glücksfall, denn eine feinsinnige litauische Historikerin konnte mir viele bis dato unbekannte Details und Abbildungen verschaffen, die auch für das Handbuch von Bedeutung waren. Dieses Haus sollte nächstes Mal genauer in Augenschein genommen werden!

Nach einem Abendessen in dem schon bewährten Lokal in Reichweite des Ostra Brama genoss jeder nochmals das hervorragende Klosterhotel. Nach dem Frühstück verabschiedete man sich dann. Diese Reise wird uns ähnlich wie die erste lange in guter Erinnerung bleiben, sie bot neben quirliger Großstadt auch landstädtische Atmosphäre und typisch litauische Landschaft.

Der fachliche Austausch hätte noch einen größeren Rahmen einnehmen können; das einmalige Treffen in Kaunas war doch etwas zu wenig. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die litauischen Philatelisten meist berufstätig sind und in der Woche wenig Zeit erübrigen können.

Auf jeden Fall nahmen wir viele neue Erkenntnisse mit, das Handbuch war wieder um einige Facetten reicher! Viele Eindrücke zeigten uns, dass das neue Litauen mehr erreicht hat als acht Jahre zuvor vorherzusehen war, und diese Eindrücke könnten durchaus in einer weiteren Reise vertieft werden, dann vielleicht mit einer Konzentration auf den zentralen und östlichen Teil. Auch Kaunas und Klaipeda sind durchaus noch nicht "abgehakt".


Dr. Peter Feustel

Dr. Peter Feustel

Die Fahrt 2008 jedenfalls war aufgrund der umfassenden Planung und Vorarbeit von Bernhard 'Tony' Fels und Dr. Peter Feustel ein voller Erfolg. Allen denen, die an der Organisation und der Durchführung der Fahrt beteiligt waren, gilt unser herzlicher Dank!


Rundreise der Arbeitsgemeinschaft Estland


Für das Jahr 2007 weisen die Annalen der Arbeitsgemeinschaft Estland gleich zwei Berichte über dieselbe Reise auf. Dies bietet dem geneigten Leser die Möglichkeit, die Vielfalt der Sammler und der Sichtweisen in unserer ArGe kennenzulernen, denn: wo Estland drauf steht, ist beileibe nicht immer das gleiche drin!

Da beide Berichte tageweise gegliedert sind, können wir die Ansichten und Einsichten unserer beiden Autoren synoptisch präsentieren – Bilder von Renate Feustel ergänzen die Erinnerungen.


Aller guten Dinge sind Drei

– ein kleines Reisetagebuch –

(Michael Wieneke)

 

Head aega!

oder: Welcher der drei baltischen Staaten ist denn nun Estland?

Notizen und Gedanken (mögliche sachliche Inkorrektheiten inbegriffen) anlässlich einer Estland-Rundreise von deutschen und holländischen Philatelisten (Friedhelm Doell)

 

Sonntag, 1. Juli

Das Tallinner Rathaus

Das Tallinner Rathaus in der Abendsonne

Tag 0 - Anreise

Im Flieger der Estonian Air die erste estnische Zeitung seit langem – eine Postimees. Ein Artikel berichtet von den Unruhen im Zusammenhang mit der Versetzung der Bronzestatue eines sowjetischen Soldaten in Tallinn und der Welle der öffentlichen Entrüstung und des Skandierens russischstämmiger Einwohner Estlands und sogar der russischen Regierung. In einem Cyber-Krieg wurden Dutzende estnischer Webserver mit E-Waffen in Kaskaden angegriffen. Haben wir eigentlich nach A-, B- und C-Waffen die D-Waffen gleich übersprungen?

Estnische Informatiker sind gewiss nicht die schlechtesten; immerhin haben einige von ihnen die Firmen Yahoo und Skype mitbegründet. Aber in diesem Fall wurden bis heute noch nicht alle Strategien und Taktiken der Angreifer aus dem Internet identifiziert. Man vermutet in der Aktion auch erst einmal einen Probelauf für wirklich verheerende Angriffe, die in einem modernen E-Staat wie Estland katastrophale Wirtschaftszusammenbrüche zur Folge haben könnten. Da zeigt sich wieder einmal, dass das, was als Stärke erscheint, auch die größte Schwäche und der beste Angriffspunkt sein könnten. David gegen Goliath. Die Bibel als Sammlung von Management-Weisheitslehren – aktuell wie nie zuvor. Gut, dass der Ursprung des World Wide Webs die militärisch veranlasste Zielrichtung war, beim Ausfall einzelner Computer und Verbindungen immer noch auf anderen Wegen zum Ziel zu gelangen. Da das Web aber mittlerweile nicht nur einzelne Computer miteinander verbindet, sondern viele Datenströme über wenige Knotenpunkte, eben die angegriffenen Web-Server, geleitet werden, funktioniert dieses Sicherheitsprinzip immer weniger.

Als dagegen vor einigen Jahren im Südwesten Estlands der Pärnu-Fluss über die Ufer trat und das Netz des einzigen Stromversorgungsunternehmens für einige Tage lahm legte, musste trotz niedriger Außentemperaturen praktisch niemand frieren. Denn die meisten estnischen Wohnungen haben heute noch manuell befeuerte Holzheizungen; die brauchen keinen Strom. Und kochen kann man auf derart beheizten Herden auch. Noch ein paar Kerzen, und das Leben funktioniert wieder wie in früheren schlechten Zeiten auch. In der Technik spricht man bei derartigen Systemen von lokaler, autarker Intelligenz, die bei Ausfall der Verbindungen zu übergeordneten Steuerungssystemen ein Subsystem stabil am Laufen hält. Aus Erfahrung ist man in dieser Hinsicht in Estland noch klug.

Unter uns die alte Handelsroute der Hanse von Lübeck nach St. Petersburg, die in unserer Sprache Ostsee und auf Estnisch Läänemeri, Westmeer, heißt. Relativitätstheorie ist praktisch im Gebrauch.

Hansestädte waren in Estland nicht nur Hafenstädte wie Tallinn und Pärnu; auch im Inneren des Landes, zum Beispiel in Viljandi und Tartu gab es befestigte Niederlassungen der Städtehanse, die ihren Mitgliedern wirtschaftlichen und militärischen Schutz gegen Räuber bot, aber auch die Einhaltung strenger Regeln forderte. Die schlimmste Strafe bei Verstößen gegen die Hanseordnung war die Ächtung einer Stadt, das Abschneiden von allen Wirtschaftsbeziehungen, bis man dort wieder zur Vernunft kam. Verhansen nannte man das. Vielleicht kommt ja unser Wort hänseln daher?

Bei den Tartuer oder Pärnuer hansa päevad, den Hansetagen unserer Zeit, gedenkt man nicht nur der guten alten Zeit, sondern feiert auch die neue Städtehanse, eine völkerverständigende und städteverbindende Partnerschaft unserer Tage, Rückbesinnung auf alte Werte und Vorschau auf die Wirtschaftsgesellschaft der Zukunft – Netzwerken ohne Grenzen.


Montag, 2. Juli

Ja, im Juli 2007 fand tatsächlich schon unsere dritte Estland-Rundreise statt. Grund war die Briefmarkenausstellung ESTONIA 2007 in Pärnu/Pernau und die berühmten "weißen Flecken" auf unserer Estland-Karte, sprich die Inseln. Diesmal reisten wir am 2. Juli in getrennten Gruppen an, aus Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg. In Düsseldorf trafen meine Frau und ich auf unsere Sammlerfreunde Ruud van Wijnen und Olaf Petri mit Frauen und flogen über Helsinki nach Tallinn, wo wir dann den "Rest" unserer Gruppe im Hotel Domina City antrafen. Das Hotel war ideal gelegen, nur einige Schritte vom Rathausplatz entfernt und außerdem direkt neben einem Antiquitätengeschäft mit reichlich Philatelie.

Unser Hotel hielt aber noch ein kleines Geheimnis für uns bereit! Dieses Geheimnis war seine Postadresse. Unser Sammlerfreund Heinz Lukaschewitz konnte uns nämlich sagen, dass an dieser Stelle sein Geburtshaus gestanden hatte, das im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört worden war. Im Hofe des Hotels konnte man dann auch noch die Ruinen der alten Kellergewölbe sehen, es war nämlich nur der vordere Gebäudeteil wieder aufgebaut worden. Heinz Lukaschewitz bemerkte dann auch etwas ironisch: "Wenn ich in dem Keller grabe, werde ich vermutlich sogar noch alte Spielsachen von mir finden!"

Für den ersten Abend hatten "unsere Feustels" mit dem Reisebüro für unsere Gruppe ein typisches estnisches Abendessen im Gewölbe des Restaurants "Maikrahv" organisiert. Abgesehen davon, dass es in diesem Gewölbe urgemütlich war, gingen auch unsere Augen über, als wir die vorbereiteten Tische sahen. Sie bogen sich fast unter der Last der Speisen. Und das, was wir dort sahen, war nur der Begrüßungstrunk und die drei (oder waren es gar vier?) Vorspeisen. Sven Kraul war ganz aufgeregt, als er die typisch baltischen Salzheringe erspähte. Nach dem ersten Happen bemerkte er nur "So, wie ich sie in Erinnerung habe" und sie schmeckten wirklich phantastisch.

der Autor Michael Wieneke mit Gattin

Der Autor Michael Wieneke mit Gattin

Im Restaurant Maikrahv

Im Restaurant "Maikrahv"

Die Vorspeisen waren fast vollständig vertilgt, als unser alter Freund Osip Benenson auftauchte; er hatte seine Straßenbahn verpasst und damit leider auch die Vorspeisen. Für unsere sehr freundliche Bedienung – die nur für uns zur Verfügung stand, prima Deutsch sprach und uns alle Speisen erklärte – kein Problem. In wenigen Minuten hatte auch Osip seine Vorspeisen vor sich stehen und schaute hilfesuchend nach dem Motto "Wer hilft mir bei diesen Mengen?" um sich. Eigentlich war man jetzt schon gut gesättigt, aber dann kamen die zwei Hauptspeisen, Schweinebraten und Geflügel. Mit Blick auf meine Figur habe ich mich dann auf den Braten beschränkt und bei den Nachspeisen völlig gestreikt. Nicht einmal ein "Viru Valge" hätte noch Platz schaffen können.

Als wir bezahlen wollten, kam die nächste Überraschung: "Bitte nur die Getränke, das Abendessen ist bereits im Reisepreis enthalten." Eine Bemerkung, die wir auf dieser Reise noch sehr häufig hören sollten, denn für fast alle "Nebenkosten" (Reiseführer, Eintrittsgelder, weitere "typische Mahlzeiten", Bus und Fähren) hatten wir bereits Gutscheine; der scheinbar hohe Reisepreis hatte sich mit einem Schlage sehr relativiert.

Tag 1 – Reisegruppentreff in Tallinn

Nach der ersten Nacht bei meiner Verwandtschaft in Kilingi-Nõmme geht es mit dem Bus zurück nach Tallinn. Im Internet ist schnell die passende Verbindung gefunden, mit fünf Minuten Umsteigepause in Pärnu. Am Busbahnhof in Kilingi-Nõmme hat der Bus jedoch zehn Minuten Verspätung. Beim Einsteigen frage ich den Fahrer, ob der Bus nach Tallinn in Pärnu auf den Anschluss warten wird. Mit einer Handbewegung winkt er ab. Heißt das den kriegen wir schon oder dann nehmen Sie halt den nächsten Bus nach Tallinn? Um meinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, bitte ich den Fahrer, in Pärnu anzurufen, "weil mein Flieger gewiss nicht wartet". Was zwar hier nicht relevant ist (aber durchaus auch hätte sein können), andererseits aber auch nicht wirklich gelogen ist. Im richtigen Zusammenhang betrachtet, erzielt es aber die gewünschte Wirkung. – Als wir mit immerhin noch sieben Minuten Verspätung in Pärnu eintreffen, wartet der Bus auf Tallinn tatsächlich auf mich. "Mein" Fahrer bestätigt, dass er ja auch angerufen habe. Ich bedanke mich artig bei beiden Fahrern und ernte nichts außer einem wachen Gesichtsausdruck und dem nur zu ahnenden Hauch eines Nickens. Man hat seinen Job gemacht. Wenn doch nur öfters Menschen die scheinbar unvermeidlichen Schwierigkeiten, die sie oder ihr Unternehmen bei ihren Kunden gelegentlich produzieren, so selbstverständlich wieder in Ordnung bringen würden! Die Welt würde sicherlich ein bisschen besser funktionieren!

Abends in der Wohnung von meinen Freunden Ülo und seiner Frau Ave, meiner Estnischlehrerin (vor neun bis sechs Jahren in München; eine der wenigen Esten, die sich bewusst als Erwachsene haben christlich taufen lassen) und Taufpatin meiner Tochter. Ülo ist im Staatsdienst tätig und erzählt mir, dass nach den derzeitigen Planungen Estland wohl erst ab dem Jahr 2012 den Euro einführen wird. Die Europäische Union, der Estland seit 2004 angehört, fordert, dass Estland bei der Euro-Einführung keinen Wettbewerbsvorteil vor bestehenden Euro-Ländern haben darf und deshalb die Akzisen, die Verbrauchssteuern auf Alkohol, Tabak, Benzin etc., vorher auf das Niveau der übrigen Euro-Staaten anheben muss. Dies hat eine gewaltige Inflation zur Folge, die ihre politischen Grenzen hat, so dass nicht alle Akzisen gleichzeitig auf das übrige Euro-Länderniveau angehoben werden können. Daher wird es also noch einige Jahre dauern, bis Estland den Euro einführen wird.

Beim Zubettgehen gegen 24 Uhr bemerke ich, dass am Himmel noch relativ viel Helligkeit vorhanden ist. Die weißen Nächte von Tallinn sind hier zwar nie durchgehend hell, aber um 23 Uhr mussten immerhin noch keine Straßenlaternen brennen. Eine wundersame Stimmung für den ausgeglichene Tages- und Nachtzeiten gewohnten Mitteleuropäer breitet sich aus. – Im Winter sind die Nächte übrigens entsprechend länger; meine aus Estland stammende Frau erinnert sich oft an Wintertage, an denen sie im Dunkeln zur Schule ging (die um neun Uhr begann) und auch im Dunkeln wieder nach Hause (gegen 16 Uhr). Damit die helle Zeit und der kurze Sommer gut genutzt wird, haben estnische Schulkinder (und Studenten) übrigens drei Monate Sommerferien (mit wochenlangen Ferienlagern, die durch eigene Rituale, Lieder usw. allen, die je daran teilnahmen, ein Leben lang im Gedächtnis bleiben); Schuljahres- und Semesterbeginn ist einheitlich der 1. September.

Der Autor Friedhelm Doell

Der Autor Friedhelm Doell (Bild: Ave Mattheus)


Dienstag, 3. Juli

Am Dienstag hatten wir dann bei schönstem Sonnenschein den großen Stadtrundgang und mit "groß" meine ich wirklich "GROSS", denn gegen Nachmittag waren wir wirklich alle ziemlich k.o. und fußlahm. Unsere Reiseleiterin Ingrid Mitt war wirklich ein Volltreffer, nicht nur außerordentlich kenntnisreich, sondern auch mit einer gehörigen Portion trockenen Humors und einem herrlichen "rollenden R" ausgestattet, was den "langen Marsch" sehr kurzweilig machte. Tallinn war voll von Touristen aus aller Herren Länder. An diesem Tage lagen mehrere Kreuzfahrtschiffe (vier oder fünf) im Hafen und hatten ihre Passagiere "an Land gespieen"; an allen Ecken traf man auf eine Gruppe mit Nummer. Es müssen mindestens 30 Gruppen gewesen sein, denn im Schloss Kadriorg trafen wir mindestens auf ein Dutzend dieser Gruppen und eine hatte die Nummer 30!

Parkanlage in Kadriorg

Parkanlage in Kadriorg

Unangenehme Begleiterscheinung dieses Touristenandrangs in Tallinn waren einerseits die – gemessen an den früheren Reisen – recht hohen Preise in den Restaurants und andererseits die Taschendiebe! Überall in der Altstadt standen Warnschilder mit eindeutigen Piktogrammen und die waren mehr als berechtigt, wie auch unsere Gruppe feststellen sollte!

Marke 2010 Europäische Kulturhauptstadt

Marke aus dem Jahr 2010: Tallinn wird 2011 Europäische Kulturhauptstadt – das Motiv erinnert aber doch sehr an die beschriebene Szene aus 2007 (Bild: Eesti Post)

Bei unserem Stadtrundgang begegnete uns eine Gruppe von vier jungen Männern, die augenscheinlich Prospekte verteilten. Einige von uns, unter anderem meine Frau und Sven Kraul, waren etwas hinter der Gruppe zurückgeblieben. Einer von den jungen Männern drückte meiner Frau einen Prospekt des Restaurants "Olde Hansa" in die Hand und versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Zwei gingen auf Sven Kraul zu und "begrapschten" seine Hose und fragten: "Wie teuer?" Der für Taschendiebe typische Körperkontakt zur Ablenkung, denn "Nummer 4" sorgte für den tatsächlichen Körperkontakt, nämlich das "Ziehen", sprich: Ziehen der Briefbörse aus der Gesäßtasche. Sven Kraul roch den Braten sofort und machte durch Lärm und den Ruf nach der Polizei auf sich aufmerksam. Die Burschen machten sich dann auch sofort aus dem Staube, immerhin hatte "Nummer 4" die Geldbörse von Sven Kraul schon zur Hälfte aus der Tasche gezogen.

Bei uns war die Sache also glimpflich abgelaufen, doch bei wie viel anderen mögen diese vier erfolgreich gewesen sein? In den nächsten Tagen waren wir nur noch mit doppelter Vorsicht unterwegs.

Die Reisegruppe

Die Reisegruppe

Tag 2 – Jagd durch Tallinn

Schloss in Kadriorg

Schloss in Kadriorg

Unsere Reiseleiterin für Tallinn und Umgebung, Ingrid Mitt, gelernte Deutschlehrerin, im Hauptberuf Immobilienmaklerin, im Nebenberuf seit über 17 Jahren Reiseleiterin, ist an diesem Tag für sechs Stunden gebucht. Viele Menschen haben in Estland mehrere Jobs, um finanziell über die Runden zu kommen. Ingrid tut darüber hinaus mehr als ihre Pflicht - erst nach sieben Stunden erteilt sie uns die Gnade der Freizeit. Normalerweise, meint sie, würden Buchende auch erst den Stadtrundgang und dann die Stadtrundfahrt im Bus wünschen, bei uns sei es leider genau anders herum. Denn nach drei Stunden Innenstadt seien ihre Kunden normalerweise fix und fertig und bräuchten die Busfahrt um die Altstadt und in die nördlichen Randgebiete zur Erholung. Recht hat sie. Auch wir waren nach drei Stunden eigentlich schon fix und fertig. Was tut man sich nicht alles an, nur weil es schon bezahlt ist!

Abends im vor einigen Jahren erbauten Kinocenter Coca Cola Plaza mit 14 Einzelkinos, hinter dem Peapostkontor, dem Hauptpostamt in Tallinn gelegen: der namensgebende Sponsor soll viel Geld investiert haben, damit er ständig in aller Munde ist. Nur beim Betrieb fehlt dann wohl etwas: vor der Kasse mit nur zwei Ticketverkäuferinnen bilden sich zur Hauptanfangszeit lange Schlangen. Wie früher. Der Eintrittspreis ist für estnische Verhältnisse übrigens recht heftig: ab 18 Uhr (sonn- und feiertags ab 15 Uhr) 120 Kronen, also ca. 7,50 Euro; davor jeweils die Hälfte. Wir schauen Stirb langsam 4.0, wie in Estland üblich (auch im Fernsehen) im Original mit Untertiteln. Kein Mensch kennt in Estland eine Synchronstimme von Bruce Willis oder einem anderen der Hollywood-Stars; so ist die Produktion billiger und man lernt auch als Zuschauer besser die so notwendigen Fremdsprachen. Ich erkenne etwa 70 Prozent der Dialoge anhand des amerikanischen Originaltextes, etwa zehn Prozent anhand des estnischen Untertitels und nur ca. 20 Prozent verschwinden im Kommunikationsnirwana. Immerhin eine Reduzierung des sonst nicht verstandenen Textteiles um ein Drittel! – Die Geschichte in diesem Film führt die Idee des Cyberkrieges noch viel weiter, als sie in Estland tatsächlich passierte. Hatte sich da jemand Anregungen in Hollywood geholt? Oder ist das Thema einfach schon Teil unseres modernen Lebens? Oft nimmt Hollywood ja die tatsächliche technische Entwicklung nur um ein paar Jahre vorweg - erschreckende Vision!

Spätabends dann kommt meine Gastgeberin von einer feministischen Tagung in Bonn zurück, die vom europäischen SOKRATES-Programm über ihre Arbeitsstelle finanziert wird. Sie erzählt von ihrer Arbeit und dem Lohn dafür: Nach 18 Jahren an Universitäten - als Studentin und Doktorandin in München und als Dozentin an der Universität Tallinn, der vorherigen Pädagogischen Hochschule - tätig in der Lehrerausbildung, verdient sie rund 8.500 Kronen brutto, das heißt, etwas über 500 Euro. Dies entspricht etwa dem derzeitigen estnischen Durchschnittslohn. Der Stellenwert der Bildung ist angesichts ihrer Zukunftsbedeutung offensichtlich nicht sehr hoch eingestuft. Von dem Bruttoeinkommen gehen pauschal 26 Prozent Einkommenssteuern ab (Steuersysteme können so einfach sein!). Die Kaltmiete ihrer 2-Zimmer-Küche-Bad-WC-Wohnung kostet 5.500 Kronen. Ohne das Einkommen zweier Verdiener wäre ein Leben in Tallinn wohl nur in einem Loch von Wohnung und mit billigstem Essen möglich, von Extras wie Kino ganz zu schweigen!


Mittwoch, 4. Juli

Am Mittwoch stand dann die Rundreise zu den Gutshäusern Palmse und Sagadi sowie zum Nationalpark Lahemaa auf dem Programm. Das Wetter blieb uns weiterhin gewogen und unsere Augen konnten kaum die vielen Eindrücke aufnehmen und verarbeiten, die auf uns einstürmten. Wer bereits an der letzten Reise teilgenommen hatte, wird sich mit Bedauern daran erinnern, dass wir damals das Gutshaus Palmse nicht von innen besichtigen konnten, da dort gerade eine Hochzeit stattfand. Diesmal hatten wir Glück und konnten uns – bestens aufgeklärt durch unsere Führerin Ingrid Mitt – auch auf die Reise durch das Gutshaus begeben. Es war einfach toll restauriert und in seiner ganzen Einrichtung strahlte es irgendetwas Besonderes aus.

Schloss Palmse

Schloss Palmse

Schloss Palmse innen

Man sieht, dass das Schloss auch als Gästehaus des estnischen Präsidenten genutzt wird.

Osip Benenson

Der älteste Mitreisende, Osip Benenson

Was dies war, spürte ich dann, als wir das Gutshaus Sagadi besichtigten. Ein völlig anderer Stil! War Palmse auch schön, so spürte man, dass da irgendetwas war, das man vielleicht am besten mit "vornehm abweisend" umschreiben kann. Sagadi dagegen war einfach nur schön und gemütlich, da konnte man sich als Bewohner wirklich wohlfühlen. Meiner Frau hatte es besonders das Jagdzimmer angetan, denn die Sitzmöbel waren wirklich etwas ungewöhnlich. Lehnen und Rückenteile waren nämlich die Geweihe von Hirschen! Mich dagegen hatte die herrliche Jagdwaffensammlung etwas mehr fasziniert. Da konnte man die Entwicklung vom Steinschloss über das Perkussionsschloss bis zum Zündnadelgewehr sehr schön verfolgen. Allerdings auch die gelegentlich etwas problematische Qualität der damaligen Damast-Gewehrläufe, denn auch ein "herrlicher Rohrkrepierer" war zu sehen. Die Frage nach dem Schicksal des Schützen sollte man besser nicht stellen. Briefmarkensammler leben eben doch ungefährlicher.

Gutshof Sagadi

Haupthaus des Gutshofs Sagadi

Tag 3 – ab in den Osten

Morgens mit der Trambahn zum Treffpunkt mit den anderen aus der Gruppe: gelbe Schilder mit schwarzer Schrift, einem §§-Zeichen und einem Hammer drohen auch dem nicht Estnischkundigen eine Strafe von 600 Kronen (38 Euro) fürs Schwarzfahren an. Die einfache Fahrt kostet in Bus oder Tram 15 Kronen (ein Euro), im Vorverkauf 8,50 Kronen (0,56 Euro). Das Verhältnis von 1:40 bzw. 1:70 für Fahrpreis zu Strafe ist deutlich höher als in München (unter 1: 20). Ob das Schwarzfahrer mehr abschreckt? Inzwischen ist die in Estland allgegenwärtige Sicherheitsfirma Falck (Objektschutz, Parkraumüberwachung, Überwachung des öffentlichen Nahverkehrs) dazu übergegangen, Trambahnen und Busse zwischen zwei Haltestellen zu stoppen, zu umzingeln und die piletid zu prüfen. Die Durchschlupfraten rasch "aussteigender" Schwarzfahrer gegenüber der Methode, Fahrausweise an Haltestellen zu kontrollieren, konnten damit praktisch auf null reduziert werden.

Eine Trambahnfahrt ist ein technisch-psychologisches Erlebnis besonderer Art, vor allem in Stadtteilen außerhalb des Zentrums, in denen die Gleise nicht in Asphalt festgelegt sind, sondern die Schwellen in eigenen Gleiskörpern auf Schotter aufliegen, der offensichtlich seit Jahren nicht nachgestopft wurde. Die Trambahnfahrerinnen (ich habe zumindest keine Männer bei dieser Tätigkeit entdeckt, obwohl es in diesem Beruf auch ein paar geben soll) kennen die kritischen Stellen und reduzieren häufig das Tempo bis auf Schrittgeschwindigkeit, bevor sich an diesen Stellen das Fahrzeug gefährlich weit zur Seite neigt. Die Tallinner beachten dies kaum noch.

Auf der Fahrt nach Osten durchqueren wir eine der schlimmsten Plattenbausiedlungen Estlands, Lasnamäe. Hier leben über 100.000 Menschen, mehr als ein Viertel der Tallinner Bevölkerung. Würde man Lasnamäe als eigene Stadt abtrennen, wäre sie nach Tallinn immer noch die zweitgrößte Stadt Estlands. Was für ein Anblick - die sowjetischen Zeiten lassen grüßen. Mal sehen, wie lange diese Bauten noch halten; durch den extremen Temperaturwechsel an der Küste (häufig bis über 30 Kelvin pro Tag) verliert der Beton nach zwei bis drei Jahrzehnten an Festigkeit. Die Bauten stammen aus den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts... Trotzdem werden für eine 1-Zimmer-Wohnung bis zu einer Million Kronen bezahlt; dafür bekam man vor drei Jahren noch ein ganzes Haus, so rasant wachsen hier die Immobilienpreise.

An den Stätten außerhalb Tallinns, die wir an diesem Tag besuchen, ist die Anzahl an Touristen gegenüber der Hauptstadt schlagartig minimiert. Die Tallinner Altstadt, mittlerweile wegen ihrer vielen seit Jahrhunderten bestehenden Bauten zum UNESCO–Weltkulturerbe gehörig, ist wohl doch das zentrale Ziel des Tourismus.

Burg Rakvere

Burg Rakvere (Wesenberg)

Die gute Luft der Wälder – der Duft vielfältigster Pflanzen und Bäume steigt mir in die Nase – verleitet zum Durchatmen, im direkten und im indirekten Sinn. Wir erleben ein Stück der estnischen Natur pur, das nicht nur olfaktorischer Art ist, sondern auch in seinen Formen und Farben die Sinne streicheln. Man könnte Bücher darüber schreiben (was ja auch fleißig getan wird), aber die meisten Mitglieder der Reisegruppe fangen einfach an zu relaxen. Urlaub kommt zum Vorschein...

Nordküste

An der Nordküste ist es in natura noch viel erfrischender ...

Bildpostkarte Loksa

... als es diese Bildpostkarte von 1935 erahnen lässt.


Donnerstag, 5. Juli

Olai Kirche

Die Olai-Kirche in Tallinn

Der folgende Donnerstag stand dann für die Jagd nach philatelistischen Schätzen zur Verfügung; unsere Frauen konnten entsprechende Shoppingtouren in Tallinn durchführen. Leider waren unsere Sammlerfreunde aus Tallinn nicht erreichbar, entweder machten sie Urlaub in ihrer "Datsche" oder waren bereits auf dem Wege zur Ausstellung nach Pärnu. Nun ja, es waren ja noch genügend Antik-Shops vorhanden und auch da sind wir reichlich fündig geworden. Mein Weg zu dem Händler im verfallenen Holzhaus war leider vergeblich. Bereits von der Ferne sah man den Bauzaun um das Gelände; das Haus – wie auch die Nebengebäude – waren teilweise ausgebrannt. Im Erdgeschoss, das offensichtlich nicht ganz ausgebrannt war, lagen noch diverse alte Bücher herum. Neben der Tür hing ein Schild mit der Telefonnummer des Inhabers, das besagte, man könne ihn telefonisch erreichen und er werde dann den Kunden aufsuchen. Im Hinblick auf unsere etwas knappe Zeit habe ich dieses Angebot nicht wahrgenommen, es standen ja noch genügend andere Adressen zur Auswahl bereit.

Blick vom Domberg

Auch das gibt es im Baltikum: fast mediterrane Atmosphäre

Tag 4 – was ihr wollt

Morgens lange Gespräche mit Ave. Die Studenten mit russischer Muttersprache an ihrer Hochschule (knapp 30 Prozent der Bevölkerung Estlands ist seit sowjetischen Zeiten dem russischen Kulturkreis zugehörig) haben oft ihr estnisches Abitur an einem russischsprachigen Gymnasium im Nordosten des Landes mit nur wenigen Wochenstunden Estnisch (quasi wie eine Fremdsprache) erworben und suchen sich der Einfachheit halber meist auch russischsprachige Vorlesungen aus, wenn dies in ihrem Studiengang möglich ist. In den notwendigerweise estnischsprachigen Vorlesungen und Übungen offenbaren sich dann die oft mangelhaften estnischen Sprachkenntnisse. Würden die abgegebenen Hausarbeiten absolut bewertet, würde ein Großteil der (Studiengebühren zahlenden) Studenten ihre für das Examen notwendigen Scheine nicht erhalten, mit Konsequenzen für die Studentenzahl und die Drittmittelfinanzierung der Hochschule.

Um diesem Mangel auf Dauer abzuhelfen und dabei gleichzeitig einen Kulturschock zu vermeiden, hat die estnische Kulturverwaltung beschlossen, dass an russischsprachigen Schulen, beginnend ab September 2007 mit estnischer Literatur (in der zehnten Klasse), jedes Jahr ein weiteres Schulfach in estnischer Sprache als Arbeitssprache gehalten wird. Nächstes Jahr kommen Sport oder Musik dazu; bereits 2012 sollen 60 Prozent des Unterrichts in russischsprachigen Schulen in estnischer Sprache stattfinden und etwa im Jahr 2020 sollen dann alle Fächer auf Estnisch unterrichtet werden. Dies wird auch die beruflichen und gesellschaftlichen Chancen der Bürger russischer Abstammung verbessern, denn höhere Positionen kann in Estland nur erreichen, wer auch die Landessprache (fehlerfrei) beherrscht.

KUMU

Marke zur Eröffnung des Kunstmuseums KUMU, 2006. (Bild: Eesti Post)

Am Nachmittag Besuch des 2006 eingeweihten Kunstmuseums KUMU. Ein internationaler Architekturwettbewerb gab dem Entwurf des Finnen Pekka Vapaavuori eine Chance; der Mann ist nun in Estland und Finnland bekannt. Der Bau aus Beton, Glas, Natursteinverkleidungen und Metall reiht sich ein in den ubiquitären westlichen Baustil der letzten Jahrzehnte, der die "männlichen" Architekturelemente Feuer und Luft oder auch Yang betont: nüchtern, sachlich, mit klaren Formen und ohne Schnörkel. Da auch dieses Gebäude innen nicht größer ist als außen, ist der Umfang der präsentierten Sammlungen naturgemäß beschränkt.

Neben Stilepochen der letzten 200 Jahre einschließlich der sowjetischen Propagandazeit gibt es umfassende Präsentationen einzelner Künstler, zum Beispiel von dem estnischen, meist surrealistisch arbeitenden Grafiker Eduard Viiralt (1898-1954).

Grafik 'Die Hölle'

Ausschnitt aus der Grafik "Die Hölle" von Eduard Viiralt, Kleinbogen von 1998. (Bild: Eesti Post)

Irgendwie kommt mir der anschließende Genuss von Kakao und Kuchen im Café am Schwanenteich unweit des KUMUs gehaltvoller vor als der Anblick dessen nationaler Pretiosen. Das mag auch an meinem persönlichen Geschmack liegen; immerhin könnte ich mir lediglich vorstellen, von den vielen Hundert Werken im KUMU drei oder fünf ins eigene Wohnzimmer zu hängen.

Abends kaufen wir in einem der riesigen Supermärkte ein, die in den Städten Estlands seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Als der frische Fisch dann im Backofen seine Transformation zur genießbaren Version erleben soll, der Drehknopf des Gasherdes aber nicht von allein in seiner Stellung bleibt, fixiert ihn meine Gastgeberin mit einem Messer und nennt das Verfahren "System Balalaika". Auf mein Nachfragen erfahre ich, dass dies ein bis heute gebräuchliches Codewort für die ständig notwendigen Provisorien in der Sowjetzeit ist, ohne die das Leben in dieser Zwangsgemeinschaft noch viel schlechter funktioniert hätte. Solche Ausdrücke prägen sich eben in das kollektive Gedächtnis einer vom Kapitalismus "befreiten" Nation ein.


Freitag, 6. Juli

Wasserfall 2004

Wasserfall 2004

Am Freitag nahmen wir Abschied von Tallinn und machten uns auf zur Besichtigung des Wasserfalls bei Keila-Joa. Bei unserer zweiten Reise im Jahre 2004 hatten wir den Wasserfall schon einmal besucht; allerdings waren die Fotos, die ich 2004 gemacht hatte, völlig missglückt. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Wasserfall war es eigenartigerweise recht ruhig; ich vermisste das bekannte Rauschen und Gurgeln des Wasserfalles.

Und dann standen wir vor ihm! Er war nur noch ein Schatten von einst, ein "Wasserfällchen" plätscherte über die Abbruchkante. Nichts mehr zusehen von dem beeindruckenden Naturschauspiel des Jahres 2004! Was war denn hier geschehen? Die Wassermühle war vor zwei Jahren fertig gestellt worden und zapfte nun oberhalb des Falls das Wasser des Flusses ab, der sich zu einem besseren Rinnsal verwandelt hatte. Auch so kann man Naturdenkmäler und Touristenattraktionen zerstören!

Wasserfällchen 2007

Wasserfällchen 2007

Weiter ging es Richtung Pärnu mit einem Abstecher in den Matsalu Nationalpark (Hochmoor). Auf dem Wege zum Nationalpark tauchten plötzlich Hinweisschilder nach Mõisaküla/Moiseküll auf. In dieser Ecke lag also der sagenhafte Ausgabeort der berühmten und teuren "Notausgaben Moiseküll" aus der Zeit der deutschen Besetzung Estlands!

(Anmerkung des Webmasters: hier irrte der Autor. Es gibt in Estland 11 Ortschaften namens Mõisaküla (= "Dorf des Gutshofes"). Die Notausgaben erschienen in der gleichnamigen Stadt im Landkreis Viljandi, nahe der lettischen Grenze, und nicht in dem Dorf in der Gemeinde Hanila an der Strecke von Keila-Joa zum Nationalpark Matsalu, welches 2011 nur 23 Einwohner zählte und sicherlich noch nie über ein eigenes Postamt verfügte.)

Landkarte Moisaküla

Die Lage der Stadt Mõisaküla im Kreis Viljandi, in der die Notausgaben erschienen (Bild: Google Maps)

Die Besichtigung des Nationalparks startete mit einem Rundgang durch das Naturkundemuseum des Parks. Ein wirkliches Muss, denn wer von uns kann noch die vielen Flugtiere und ihre Stimmen auseinanderhalten? In Großstädten ist man eher mit anderen "Modellen" und Geräuschen vertraut geworden. Eindrucksvoll für mich waren vor allem die Ausstellung von Vogelnestern und die Wand mit den Vogelstimmen. Einerseits wurde dem Besucher vorgeführt, wie die verschiedenen Vogelarten ihre Nester flechten und auspolstern und andererseits konnte man auf Knopfdruck den Ruf der diversen Vogelarten "abrufen".

Schmetterlinge auf Blüten

Schmetterlinge auf Blüten

Obwohl wir auch dieses Mal ein Hochmoor bewanderten, zeigte sich uns eine völlig andere Landschaftsart als beim Besuch des Hochmoores im Lahemaa Nationalpark. Bewundernd betrachteten wir die Blumen mit den zwei Blütenständen (blau und gelb) sowie eine Pflanze mit wunderschönen bläulichen und etwas seltsam geformten Blumenblättern. Die Überraschung war perfekt, als unsere Reiseführerin sagte, dass dies keine Blätter, sondern Schmetterlinge seien, die bewegungslos auf der Pflanze saßen!

Weiter ging es dann in unser – sehr komfortables – Hotel "Strand" in Pärnu; es verfügte über ein eigenes Hallenschwimmbad und eine eigene Sauna! Klar, dass diese Einrichtungen sofort von einigen aus unserer Gruppe erfolgreich getestet worden sind!

Tag 5 – zurück zur Natur

Reisegruppe

Die Reisegruppe, in Keila-Joa das letzte Mal von Ingrid Mitt betreut

Das heutige Tagesprogramm – alter Gutshof Keila-Joa und Naturschutzgebiet Matsalu – ist nur zum geringen Teil etwas für meinen Geschmack. Nicht renovierte ehemalige Gasthöfe, Bäche mit wenig Wasser und der Blick aufs Meer reißen mich nicht vom Hocker. Mögliche zu beobachtende Vögel, Pflanzen, flache Küsten und Moorlandschaften in Verbindung mit einer neuen Reiseleiterin mit deutlich geringeren Deutschkenntnissen, die sich – welch interkultureller Fauxpas – nicht einmal vorstellt und zudem immer nur halblaut zu den ihr gerade nahe stehenden Gruppenmitgliedern spricht – kurz: eine Unterhaltungskatastrophe – machen mich eher müde als informiert, zeigen mehr eine ganz andere als die auf Touristen ausgerichtete Seite Estlands. Auch dies mag an meinen persönlichen Vorlieben liegen, aber darüber schreibe ich ja hier.

In dem relativ neu erbauten Hotel Strand in Pärnu dann eine positive Überraschung: ein hervorragendes Abendmenü, das auch in unseren Großstädten zu den Spezialitäten gehobener Restaurants gehören würde.

Hotel Strand

Das Hotel Strand in Pärnu

Ab 22 Uhr dann aber meine persönliche Urlaubstragödie: bum-bum-bum-bum ohne Unterbrechung aus der hauseigenen Disco, die so bis gegen vier Uhr morgens weitermachen wird. So kann ich nicht lesen, schreiben oder gar schlafen. Meiner Bitte um einen Raum in einem ruhigeren Flügel des Hotels kommt man gerne nach, allerdings nur mit einem Raucherzimmer. Ansonsten sei man leider ausgebucht. Ich wähle das kleinere Übel und lasse die ganze Nacht das Fenster weit auf, um so gut es geht den Qualm in allen Poren des Zimmers mit Frischluft zu vertreiben. – Das Hotel ist noch recht neu, und es verwundert mich schon, dass man die Hausdiscothek nicht akustisch vom Rest des Gebäudes getrennt hat. Für was für ein Publikum wurde denn hier gebaut? Ich sehe relativ viele junge Menschen aus Estland, Finnland und Schweden, meist unter 35 Jahren alt, als Gäste. Nun ja, für die mag es vielleicht passen. Empfindliche Ohren und Bäuche (man spürt das bum-bum bis ins Zwerchfell) sollten dieses Hotel aber vielleicht eher meiden.

Reisegruppe hält zusammen

Nicht nur Essen und Trinken hält die Seele zusammen, auch die Reisegruppe als solche gibt auf einer solchen Tour immer wieder Kraft.

Was mich heute jedoch trotz aller äußeren Umstände angenehm berührt und damit letztendlich wieder versöhnlich stimmt, sind die Gespräche mit meinen Mitreisenden.

In so etwas ist eine Gruppe einfach stärker als so manche Unannehmlichkeit.


Samstag, 7. Juli

Am Samstag war es dann endlich soweit: die Ausstellung rief und die Jagd auf philatelistische Schätze wollte keiner verpassen.

Estonia 75 und Sonderstempel

Individualisierte "minu mark" der Philatelistischen Gesellschaft Estonia, die 2006 75 Jahre alt geworden war, mit Sonderstempel anlässlich der nationalen Briefmarkenausstellung in Pärnu

Postkarte Nr. 72

Postkarte Nr. 72 (Bild: filateelia.ee)

Ja, die Ausstellung - wer die Ausstellung in Tallinn bei unserer ersten Reise gesehen hatte, war nun doch etwas enttäuscht. Sind einem damals noch die Augen übergegangen bei all den Kostbarkeiten, die man dort zu sehen bekam, waren diesmal eigentlich nur vier bis fünf Sammlungen beeindruckend! Für mich persönlich war dies zunächst die Sammlung mit Schiffspostbelegen von Malli Linnard (Frau des bekannten Sammlers Ants Linnard, Tartu). Es war wirklich alles zu sehen, was das Herz erfreute. Von den bekannten Stempelabschlägen "Fran Estland / Fran Utlandet / Fran Ryssland" über den "Schiffchenstempel" bis hin zu den diversen "Paquetbot"- und "Aus Dampfschiff"-Stempeln war alles da und gelegentlich hörte man sich seufzen: "Hätte ich auch gern in meiner Sammlung!"

Ebenfalls sehr schön waren die Sammlungen mit den Abstempelungen aus Pärnu von der Vorphila-Zeit bis in die Gegenwart und zur Zensurpost (erste und zweite russische Besetzung). Leider konnte ich diese letzte Sammlung mangels eigener philatelistischer Kenntnisse nicht richtig würdigen, habe mir aber sagen lassen, dass darin sehr schwierig zu beschaffende Zensurvermerke zu sehen waren.

Ausstellungssaal

Blick in den Ausstellungssaal (Bild: REFS)

Sammler und Händler waren in den Vorräumen reichlich vertreten und manch schönes Stück wechselte seinen Besitzer. Bei den verlangten Preisen konnte man gelegentlich nur staunen. Entweder wunderte man sich über den fairen, günstigen Preis (Briefmaterial) oder staunte über Preise von 70-80 Prozent Michel bei postfrischen Marken (u.a. bei Vierer-Blocks). Hier scheinen sich die unterschiedlichen Sammelgewohnheiten drastisch auszuwirken. Thomas Löbbering sagte mir zum Beispiel, dass Sammler in Estland ganz versessen auf postfrische Vierer-Blocks – vor allem vom Eckrand – seien und da sogar bei einigen Ausgaben Preise von bis zu 100 Prozent Michel bewilligt würden!

Gegen 14 Uhr leerten sich plötzlich die Hallen, die Sammler/Händler packten ihr Material zusammen und verschwanden. Wir taten es ihnen gleich und zogen uns in unser Hotel zurück. Die letzten 500 Meter des Rückweges entwickelten sich allerdings zu einem Dauerlauf! Es platzte nämlich ein herrliches Gewitter runter. Einige unserer Frauen hatte einen Strandspaziergang gemacht und im alten Ranna-Hotel zu Mittag gegessen, so auch meine Frau. Natürlich bei dem herrlichen Sonnenschein ohne Regenschutz. Wie man so schön sagt "Die Haut ist regenundurchlässig" und so war es auch. Unsere Frauen trudelten nach und nach tropfnass im Hotel ein. Glücklicherweise hatte jedes Bad ein Handtuchgestell mit Heizung, die "nassen Klamotten" waren also am nächsten Tage wieder trocken und benutzbar.

Jekatarinenkirche in Pärnu

Jekatarinenkirche in Pärnu

Leider sollte das Wetter nun für den zweiten Teil der Reise, mit den Reisen über die einzelnen Inseln, "sehr durchwachsen" bleiben.

Tag 6 – philatelistischer Großkampftag

Neue Kunsthalle Pärnu

Der Ausstellungsort: die neue Kunsthalle in Pärnu (Bild: REFS)

In Pärnu richtet die Philatelistische Gesellschaft Estonia eine nationale Ausstellung von Briefmarken, Belegen und verwandten Gebieten wie Postkarten aus. Immerhin 21 Exponate sind zu sehen, von denen aber von den meisten Angereisten nur drei bis vier als tatsächliche "Philatelie" im Sinne von "Philatelie beginnt dort, wo der Katalog aufhört" einzustufen sind. Von der (aus meiner Sicht) Stadt- über die Kreis- und Landesklasse bis zum tatsächlich nationalen Niveau ist alles vertreten.

Ausstellungsrahmen

Ausstellungsrahmen (Bild: REFS)

Auch dies einmal mehr ein Beleg dafür, wie unterschiedlich doch die (nicht nur finanziellen) Möglichkeiten jedes einzelnen Teilnehmers waren, sich in den Jahren seit der rekonstituierten Unabhängigkeit (1991) philatelistisch zu entfalten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in der man (wie in der DDR) Mitglied in einer philatelistischen Vereinigung sein musste, um von manchen Markensätzen so genannte Sperrwerte zu erhalten, gab es für die meisten estnischen Sammler keinen Grund mehr, sich in Vereinen zu organisieren, was zum vielfachen Austritt aus selbigen führte. Die fehlenden ständigen Kontakte zu anderen Sammlern und der Austausch wie auch die damit fehlenden Informationen über das Sammelgebiet und darüber hinaus werden durch nur gelegentliche Kontakte mit Händlern oder weit entfernt wohnenden Sammlerfreunden nur unzureichend ausgeglichen, wie die ausgestellten Exponate zeigen.

Mitglieder der Reisegruppe beim Stöbern

Einige Mitglieder der Reisegruppe beim Stöbern (Bild: filateelia.ee)

Interessanter sind für mich jedoch die ebenfalls angereisten Händler estnischer Philatelie, bekannte und weniger bekannte. An einem der Stände allein findet der deutsche Sucher mehr Auswahl an estnischen Belegen und Marken als bei allen internationalen Händlern zusammen auf einer deutschen Briefmarkenmesse – welch ein Fest! Aber wenn auch insgesamt das Preisniveau niedriger ist als in Deutschland, kosten doch auch hier Spitzenstücke Preise auf internationalem Niveau. Von gestern sind die estnischen Händler jedenfalls nicht.

Die im Ausstellungsort, der Neuen Kunsthalle Pärnu, ebenfalls zugänglichen Computer mit Internetanschluss finden mein Interesse – E-Mails checken, ein wenig im Internet surfen usw. wäre nun eine willkommene Abwechslung. Öffentlich zugängliche Computer wurden vor etwa zehn Jahren auf Weisung der estnischen Regierung im Rahmen des tiigrihüpe- (Tigersprung-) Programms in vielen öffentlichen Gebäuden wie beispielsweise Bibliotheken, Rathäusern usw. aufgestellt, auf dass alle Esten kostenfreien Zugang zum Internet hätten (mittlerweile haben alle estnische Schulen einen Internetanschluss und oft wird auch das Internet für den Unterricht eingesetzt).

Sogar Verkehrsschilder gibt es, die mit einem @-Zeichen und dem Wort "Internet", einer Abkürzung für internetipunkt in schwarz auf weißem Grund mit blauem Rahmen vor den entsprechenden Gebäuden auf diese Computer hinweisen.

Verkehrsschild Internetipunkt

Das offizielle "Verkehrsschild" für einen Internetipunkt (Bild: Riigi Teataja)

Mittlerweile kostet die Nutzung dieser Rechner in diesem Museum ca. 2 Euro pro Stunde. Nun gut, dies ist kein allzu großer Betrag. Aber dann die herbe Enttäuschung: Von fünf Computern ist einer ganz aus, bei zweien ist der Monitor so schlecht, dass man nur übergroße Schrift überhaupt entziffern kann und nur zwei Rechner mit sehr kleinen und altersschwach dunklen 14-Zoll-Monitoren (die bei uns wegen ihrer ergonomischen Unzulänglichkeiten nicht einmal mehr gebraucht erhältlich sind) zeigen überhaupt eine Reaktion auf Maus- und Tastatur-Bedienung. Die Verbindung ins Internet ist wie damals nur mit Modems möglich, was bei den heutigen Anwendungen und Webseiten unglaublich lange Wartezeiten vor dem Rechner nach sich zieht. Mein Internet-E-Mail-Programm stürzt bei dieser Verbindungsgeschwindigkeit auch noch laufend ab. Das ist wahrlich kein Vergnügen. Eher Nepp.


Sonntag, 8. Juli

Warten

Warten ...

auf die Fähre

...auf die Fähre

Am Sonntag ging es dann mit dem Bus zur Fähre nach Kuivastu mit anschließender Überfahrt zur Insel Muhu. Dort trafen wir unsere Reiseleiterin Marika Varjas, die uns auf der Fahrt zu den einzelnen Inseln begleitete. Schon bei der Besichtigung des Blockhausdorfes Koguva zeigte sich durch ihre Erklärungen, dass wir mit ihr wieder einmal ein "großes Los" gezogen hatten.

Meteoritenkrater

Meteoritenkrater Kaali

Weiter ging es zum Meteoritenkrater nach Kaali. Die Haupteinschlagstelle des Meteoriten war ein riesiges Loch und man bekam so ungefähr eine Vorstellung, was Anfang des 20. Jahrhunderts in Sibirien geschehen sein musste, als dort ein großer Meteorit eingeschlagen war. Natürlich rankte sich um den Krater bzw. den Kratersee eine Reihe von mystischen Legenden, die uns unsere Reiseführerin mit sichtlicher Freude erzählte. Glücklicherweise setzte der Regen erst wieder ein, als wir im Bus saßen.

Kuressaare

Kuressaare

Abends kamen wir dann in Kuressaare/Arensburg an. Das Wetter lud noch zu einem kleinen Streif- und Erkundungszug durch die Stadt mit einer kleinen Tasse Kaffee ein.

Direkt neben unserem Hotel war ein kleines, urgemütliches Restaurant, die "Kapitänshütte". Da das Wetter sich wieder für die "miese Seite" entschieden hatte, blieben einige von uns gleich im Restaurant zum Abendessen und einem Gläschen Bier.

Holzhaus im Schlusspark Kuressaare

Holzhaus im Schlusspark Kuressaare

Tag 7 – übers Wasser, übers Meer

Als wir mit der Fähre auf die drittgrößte Insel Estlands, Muhu (dt. Moon), übergesetzt sind, fallen dort die vielen Schilder

in Schwarz auf orangefarbenem Grund auf. Dieses drahtlose Netz für Internetverbindungen ist mittlerweile in vielen estnischen Städten und Dörfern weit verbreitet. Kostenloser Zugang zum Internet für alle. Man muss nur den entsprechend modernen Computer dazu haben. An fehlender Information soll jedenfalls kein Este scheitern, wenn er etwas unternehmen will. Und was man da alles erfahren kann – den Tagesplan des Präsidenten genauso wie die Bruttogehälter der Bürgermeister und Verwaltungsbeamten von Gemeinden aller Größenordnungen und auch vieles andere, was es bei uns gar nicht im Internet gibt. In Estland lädt man auch seine Handykarte übers Internet auf oder verlängert seine Autohaftpflichtversicherung; man bezahlt direkt nach dem Online-Einkauf per Überweisung vom eigenen Konto und vieles mehr.

Koguva

Im Museumsdorf Koguva

Die Geschichte atmet nicht nur auf Muhu aus alten Häusern, Kirchen, Steinmauern, Wäldern – man kann sich ihrer kaum erwehren. Geschichte und Natur – diese beiden Güter hat das kleine Estland hauptsächlich zur touristischen Vermarktung zur Verfügung.

Zeichen 718

Amtliches Zeichen 718 (Quelle: Riigi teataja)

...und der Heimarbeitsplatz

Logo der EMS, hier auf einer individualisierten Marke zur Feier des 20-jährigen Bestehens

Braune Schilder mit weißer Schrift und dem Zeichen der Muinsuskaitse selts, der (staatlichen) Vereinigung für Denkmalschutz, einer schwarzen, vierfachen Schlinge auf weißem Grund, bilden die allerorten unübersehbaren Hinweise auf touristisch interessante und mehr oder weniger geschichtsträchtige Stellen, die man vielleicht gesehen haben sollte.

(Hier irrte der Autor: das genannte Zeichen ist das amtliche Verkehrszeichen 718 "Sehenswürdigkeit" (heute vor blauem Grund), während die EMS ein etwas anderes historisches Symbol verwendet.)

Der Schlaf- und Wohnraum...

Der Schlaf- und Wohnraum...

...und der Heimarbeitsplatz

...und der Heimarbeitsplatz.

Der Schlaf- und Wohnraum...

EMS-Katalog 1. Auflage 1995 (Bilder: filateelia.ee).

Die Muinsuskaitse selts ist übrigens weitaus mehr als nur eine Denkmalschutzamt: Auch der Eesti Filatelistide Liit, der Verband der estnischer Philatelisten, der unter Leitung von Mart Aru den estnischsprachigen Katalog der Briefmarken und Ganzsachen 1918–1941 und ab 1991 herausgibt, ist eine Abteilung der Muinsuskaitse selts!

...und der Heimarbeitsplatz

15. Auflage 2015, natürlich in Farbe.


Montag, 9. Juli

Für Montag war dann eine Rundfahrt über die Insel und die Besichtigung der Bischofsburg angesagt. Wir besuchten u.a. auch die Halbinsel Sõrve, auf der sich im Oktober 1944 die deutschen und russischen Truppen eine erbitterte Schlacht geliefert hatten. Diese Kämpfe hatten sich so in die Erinnerung der Bevölkerung gebrannt, dass man dort bei einer größeren Streiterei sagt "Das ist ja wie in Sõrve".

Vor dem Mittagessen stand aber noch ein Ausflug zu einem Leuchtturm an. Jetzt wurden wir wirklich hart geprüft. Es goss und stürmte nur so. Am Leuchtturm versuchten wir zwar, die Spitze der Halbinsel zu erreichen, aber Regen und Gegenwind, was sage ich, Gegensturm waren dagegen. Unser kleine Gruppe wurde regelrecht "zerblasen". Glücklicherweise gab es da ein kleines Restaurant, in dem wir uns bei einer schönen Tasse Kaffee wieder trocknen und aufwärmen konnten.

Mittags kehrten wir "auf dem Lande" in ein kleines Restaurant mit dem beziehungsreichen Namen "Söögimaja" (Esshaus) zu einem – wieder einmal typisch estnischen – sehr leckeren Mittagessen ein. Erneut hieß es "Nur die Getränke, das Essen ist im Reisepreis inbegriffen". Leider hatten dieses Restaurant nicht nur die Feustels entdeckt, wir konnten daher nicht im Haupthaus mit dem Kaminzimmer essen und mussten ins "Nebenhaus" wandern. Dieses Kaminzimmer war ursprünglich ein "offener Kamin" (etwa drei mal drei Meter), da drinnen hätte ich wirklich gerne meinen Mittagstisch zu mir genommen, denn wann kann man schon einmal in einem Kamin essen?

Söögimaja

Unsere Reiseleiterin Marika Varjas mit Dr. Peter Feustel vor dem "Söögimaja"

Beim Besuch der Bischofsburg erzählte uns Marika Varjas, dass im Hofe der Burg im Jahre 1941, kurz vor dem Rückzug, die Kommunisten noch sehr viele Esten aus dem Bürgertum ermordet hatten (sie benutzte in der Tat den Begriff "Kommunisten" und nicht "Russen", denn es waren größtenteils estnische Kommunisten). In der Bischofsburg war dann auch neben den vielen Schönheiten aus den vergangenen Jahrhunderten ein sehr eindrucksvolles Museum der Zeit der ersten und zweiten russischen sowie der deutschen Besetzung zu sehen. Hier wurden das "Wirken" der estnischen Kommunisten unter Leitung ihres Kommissars Kingissepp (siehe auch die Umbenennung der Stadt von Kuressaare in Kingissepp) und die Schlacht von Sörve erläutert. Etwas sehr nachdenklich ging man dann zur Besichtigung der schöneren Seiten der Bischofsburg über.

Auf dem Rückweg ins Hotel kamen wir an so einigen Antik-Shops vorbei und irgendwie kam ich mir vor wie in dem Märchen vom Hasen und dem Igel: In jedem Laden war schon einer aus unserer Gruppe vor mir da. Aber kein Problem, es war wirklich reichlich Auswahl vorhanden und wieder konnten wir – wie auch ich – einige schöne Stücke für unsere Sammlungen zu durchaus sammlerfreundlichen Preisen ergattern.

Der Regen kam pünktlich zum Abend und wir versammelten uns wieder in der "Kapitänshütte" zum gemütlichen Plausch. Nach unbestätigten Gerüchten soll an diesem Abend tatsächlich irgendwann einmal sogar über Philatelie geredet worden sein. Ich allerdings kann dieses Gerücht nicht bestätigen.

Tag 8 – `s war Krieg, `s war Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein!

Reisegruppe

Die Reisegruppe bei typischem Inselwetter

"So schlimm wie der Krieg auf Sõrve", nennen die Einwohner der größten Insel Estlands, Saaremaa, früher Ösel genannt, heute noch eine furchtbare menschliche Auseinandersetzung, selbst wenn sie diesen Krieg persönlich gar nicht mehr erlebt haben. Dieser Krieg auf der südwestlichen Halbinsel Saaremaas, den wir als Teil des zweiten Weltkriegs kennen, hat sich aber im kollektiven Gedächtnis und Sprachgebrauch der Insulaner tief eingeprägt. Nicht selten wurden Familienmitglieder nacheinander von sowjetischer und deutscher Seite eingezogen und mussten auf verschiedenen Seiten der Front kämpfen, auch gegeneinander.

Die Insel wurde nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, als strategisch weniger wichtig von Kampfhandlungen verschont. Kriegerdenkmäler und Soldatenfriedhöfe wie auch die Todesdaten auf den zivilen Friedhöfen zeugen von hohen Opferzahlen, wie ja meist die einfachen Bürger Opfer eines von ihnen nicht gewollten Krieges werden.

In der Sowjetzeit (1944-1991) wurde die Geschichtsschreibung allerdings häufig nur einseitig betrieben; viele Esten waren ja nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit erstaunt, welche Fakten ihnen bis dahin alles vorenthalten worden waren.

Eine besondere Aufmerksamkeit fand bei mir eine mir bis dahin unbekannte Tatsache: Von Saaremaa aus wurden die ersten elf Angriffswellen gegen Berlin geflogen, wobei die Piloten oft gar nicht wussten, dass ihre Treibstoffvorräte nur für den Hinflug reichten (im Falklandkrieg vor gut 25 Jahren wurden die argentinischen Generäle, die ihren Piloten One-way-Flüge gegen britische Kriegsschiffe befahlen, zumindest vor ein Kriegsgericht gestellt. Aber ob das wohl zur Sühne reicht?).

In der Sowjetzeit war die ganze Insel Sperrgebiet. Selbst Verwandte und Eheleute konnten nur mit besonderer Einladung und Genehmigung zu Besuch kommen. Und die hier stationierten großen Kanonen schossen übers Meer bis nach Lettland. Was wurde hier eigentlich gegen wen verteidigt?

Kriegerisch waren auf Saaremaa jedoch auch schon frühere Herrscher: Der Bischof von Arensburg, der die Burg im heutigen Kuressaare bauen ließ (die in der Bevölkerung jedoch mangels eines solchen nur Schloss genannt wird), trug Schwert und Lanze wohl nicht nur in seinem Wappen.

In Kuressaare bemüht man sich heute, die Geschichte und die historischen Bauten zum Hintergrund zahlreicher Musik- und Theateraufführungen zu nutzen. Was für Kulissen!

Wappen2

Wappen des Fürstbischofs (1530–1532) Reinhold von Buxhoeveden (Bild: Wikimedia)

Was mir persönlich sehr positiv vorkam: Wer in der Ferienzeit (Juni bis August) nicht unbedingt früh auf den Beinen sein muss, steht auf Saaremaa etwas später auf und lässt den Tag etwas langsamer angehen. Wie man das von Ferienzeiten ja eigentlich auch erwarten darf.


Dienstag, 10. Juli

Mann

Inselbewohner in traditioneller Tracht: Mann ...

Frau

.. und Frau

Am Dienstag ging es dann nach einer Inselrundfahrt und dem Besuch des Bärensees, der Panga-Steilküste und des Dorfes Karjaküla – wieder mit einer Fähre – rüber zur Insel Hiiumaa. Freundlicherweise regnete es überwiegend dann, wenn wir im Bus saßen.

auf der Fähre nach Hiiumaa

Ganz entspannt im Hie rund Jetzt – auf der Fähre nach Hiiumaa

In Kärdla hatten unsere estnischen Sammlerfreunde unter Leitung von Jaan Otsason eine große Überraschung für uns vorbereitet: Im Postamt hatten sie zwei Ausstellungsrahmen aufgestellt. Ein Rahmen u.a. mit Belegen der Deutschen Dienstpost. Als Sammler dieses Gebietes hatte ich sofort den Beleg mit einem seltenen "5 c-Postleitzahlstempel" gesehen. Solch einen Stempel hätte ich auch gern in meiner Sammlung! Es kam aber noch besser. Thomas Löbbering sagte uns, dass dieses Postamt eines der letzten gewesen sei, das einen derartigen Stempel erhalten habe, dieser Brief eine "absolute Rosine" sei und dieser Stempel noch nicht einmal im Hurt/Ojaste stehe!

Restaurant Rannapaargu

Restaurant Rannapaargu

Im Gemeinderaum der Kirche, gleich neben dem Postamt, hatten sich unsere Sammlerfreunde eingefunden und Teile ihrer Sammlungen zum Bewundern mitgebracht. Eine gelungene Überraschung und ein dickes "Dankeschön" an Jaan Otsason und seine Freunde!

Nach einem schönen Abendessen (noch bei Sonnenschein) ging es dann ins Hotel nach Käina und pünktlich kam der Regen. Wir feuchteten uns dann lieber von innen an (im Hotel) und verzichteten auf einen Spaziergang im Regen.

Das 'Spa-Hotel' Lõkese

Das "Spa-Hotel" Lõukese (siehe Text Friedhelm Doell)

Tag 9 – von Küste zu Küste

An Saaremaas Nordküste wurde mit viel Aufwand – eigentlich, um Kreuzfahrtschiffen das Anlegen zu ermöglichen–- ein kleiner Hafen, fast nur eine Mole, gebaut, der jedoch nicht recht nutzbar ist, weil größere Schiffe ihn bei ungünstigen Winden nicht anfahren können. Außer einem Küstenwachboot konnten wir da auch nichts weiter entdecken, keine Menschen, keine Autos, kein Betrieb eben. Erinnerungen an Infrastruktureinrichtungen in den neuen Bundesländern nach der Wende werden in mir wach. In Estland wurden allerdings nicht wie bei uns (nur) nationale Steuermittel verbraten, sondern in weiser Kenntnis der entsprechenden Verwaltungswege gleich EU-Mittel...

Haus in Tagaranna

Haus in Tagaranna

In der Nähe des Hafens der kleine Ort Tagaranna ("hinterer Strand"), ein idyllischer Traum von Dorffrieden und sauberen Häuschen. Wer sich hier niederlassen will, muss mittlerweile ein paar Millionen (estnische Kronen) mitbringen. Einerseits pittoresk und malerisch schön, andererseits ist das aber wohl tatsächlich nur etwas für Menschen, die die Abgeschiedenheit lieben.

Weitere Inselattraktionen folgen Schlag auf Schlag - eine Steilküste im Norden (ein Stein braucht 2,5 Sekunden, bis er aufs Wasser auftrifft. Wie hoch ist der Standplatz über dem Wasser?), eine alte Kirche mit integrierten heidnischen Symbolen, gleich zwei Heiligen, kleinen Figuren, die den Frauen bedeuten, das Reden in der Kirche einmal zu unterlassen, und einen Nebenraum, in dem nicht nur die Toten aufgebahrt wurden, sondern auch die Soldaten die Waffen ablegen sollten, bevor sie die Kirche betraten – so viel Außergewöhnliches an einem Ort!. Kein Wunder, dass die Kirche zu den Lieblingsplätzen unserer Insel-Reiseleiterin Marika Varjas aus Kuressaare gehört!

Marika ist hauptberuflich Deutschlehrerin am Gymnasium von Kuressaare und übersetzt, dolmetscht und reiseleitet nebenbei. Von der Reiseleitung könnte sie schon leben, wenn sie sie hauptberuflich ausüben würde, meint sie, aber das wolle und könne sie gar nicht. Ich verstehe das, denn wenn sie von ihren Inseln erzählt, erzählt sie von ihrer Heimat. Das macht man nicht als Alltagsberuf.

Auf Hiiumaa, der zweitgrößten Insel Estlands (früher/deutsch: Dagö) dann eine kleine philatelistische Überraschung: Im Postamt der Inselhauptstadt Kärdla werden vom örtlichen Philatelistenverein im 14-tägigen Wechsel zwei Ausstellungsrahmen mit je einer Einrahmen-Ausstellung bestückt, um so den Besuchern des Postamtes ein Stück klassischer oder auch moderner Philatelie nahe zu bringen. Wo wäre eine solche Zusammenarbeit in Deutschland denkbar?

Im Postamt Kärdla gibt es natürlich mittlerweile auch – wie in anderen Postämtern Estlands – Zusatzleistungen wie Bankservices der SEB-Bank, Versicherungen der if kindlustus und selbst Snacks und Getränke. Aber es ist noch in erster Linie ein Postamt und kein McPaper wie in Deutschland, wo die Postdienstleistungen in einem Schreibwarenladen als Zusatzleistungen angeboten werden und die Verkäufer den Unterschied zwischen einem Block und einem Kleinbogen nicht kennen (und nicht selten von jeder Wertstufe nur ein Markentyp vorrätig ist ...).

Die Kleinstadt Kärdla (4.000 Einwohner) birgt aus meiner Sicht noch etwas Besonderes, Geheimnisvolles: Die Menschen, besonders die Frauen, sind hier ein bisschen besser gekleidet als in anderen kleinen, estnischen Städten, ich sehe niemand in alten, abgetragenen Sachen oder gar halb zerlumpt. Nicht nur die Häuser und Gärten sind auffällig adrett, sauber und gepflegt, nein, die ganze Bevölkerung scheint irgendwie wacher zu sein als anderswo. Woran das bloß liegen mag?

Im Restaurant Rannapaargu ("Strand-Sommerküche") gibt es deutlich mehr aufmerksame Bedienungen als sonst üblich, die Wartezeiten sind kürzer und der ganze Service ist mehr auf die Gäste konzentriert. Unser Trinkgeld ruft eine echte, freudige Überraschung bei unserer Bedienung und Mitfreude bei den Kolleginnen hervor, als sie hinter der Theke die kleinen Klapptäschchen mit den Rechnungen und unserem Liegengelassenen öffnet. Ein gelungener Abend, der letzte gemeinsame für mich. Da kommen unsere touristischen Erwartungen und Bedürfnisse einerseits und die positiven Seiten estnischer Gastfreundschaft andererseits an einem Ort und zu einer Zeit zusammen – so ist ein Restaurantbesuch oder auch eine ganze Reise für alle Beteiligten ein menschlicher und wirtschaftlicher Gewinn.

Abends dann ein Hotel "wie aus der Sowjetzeit" (wenn es denn ein Hotel hier gegeben hätte, es handelt sich um eine umgebaute Kolchosenverwaltung) – alle Wände dunkelbraun bis zum Hals, Toiletten im Flur, die Rezeption nicht besetzt, die Außentüren die ganze Nacht auf, ein Frühstück wie in einer billigen Pension, zum Abschied die Zimmerschlüssel wie aus dem Spiel genommene Schachfiguren auf die unbesetzte Theke gereiht. Irgendwie unheimlich. Da hilft auch das "Spa" im Namen des Hotels nicht, dessen Berechtigung sich wohl aus der Existenz zweier Familienaußenschwimmbecken (eines davon leer – im Hochsommer! – und das zweite soll auch kaputt gewesen sein), der in Estland obligatorischen Sauna (die andere Hotelbesitzer nicht im entferntesten daran denken ließe, ihr Etablissement deswegen "Spa-Hotel" zu nennen) und der Möglichkeit von vorzubestellenden Massagen durch externe Fachleute ableitet. Und das Ganze zu Preisen wie bei uns – na bravo!


Mittwoch, 11. Juli

Am nächsten Morgen standen noch eine Inselrundfahrt und ein Besuch des Leuchtturmes auf der Kõpu-Halbinsel an. Wieder einmal goss es nur so. Einige Mutige erklommen aber dennoch den Leuchtturm, der Rest zog es vor, im kleinen Restaurant im Trockenen zu warten.

Gegen Mittag ging es wieder auf eine Fähre und hinüber nach Haapsalu.

Jetzt spürte es jeder: Unsere Reise neigte sich dem Ende zu.

Bei einer Kaffeepause in dem herrlichen hölzernen Kursaal von Haapsalu kam dann schon so etwas wie Wehmut auf, vor allem weil jetzt auch wieder die Sonne lachte und man eigentlich noch nicht wirklich nach Hause wollte.

Leuchtturm von Kopu

Der Leuchtturm von Kõpu

Leuchtturm von Kopu

Am letzten Tag – erschöpft, aber glücklich

Den letzten Abend verbrachten wir dann wieder – grüppchenweise – bei gutem Essen in Tallinn und am Donnerstag kam dann der unvermeidliche Abschied. Jeder bedauerte, dass unsere Reise schon zu Ende war, denn es war einfach wieder ein schönes Erlebnis!

Gab es noch etwas? Ach ja, wir konnten jetzt mit unserm Freund Osip Benenson beim Spazierengehen Schritt halten. Ja, wenn man fast 90 ist, dann muss auch ein Osip dem Alter so ganz langsam Tribut zollen!

Tag 10 – nehmt Abschied, Freunde

Estland im Regen, grauer Himmel, alles nass, nichts als Landstraße, Wiesen, Wacholder, Bäume, Wolken. Nur nicht die Stimmung vermiesen lassen, tapfer die letzten Leuchttürme und Bergfriede erklimmen, jede Pause mittlerweile geschickt für Kaffee, Kuchen oder Rauchwerk ausnutzen, im Bus die letzten philatelistischen Tagesthemen anreißen – was bis heute nicht gesagt wurde, sagt so schnell ja keiner mehr. Der Abschied naht.

Das spektakuläre Finale im Kursaal von Haapsalu, einst Zentrum der Sommeraktivitäten dieses Ferienzieles, ein neu renovierter Holzfachwerkbau vom Feinsten. Da hat sich unser deutsch-estnisches Reisebüro etwas bei gedacht. Und dann die Umsetzung dieser Idee: Kaffee aus einer riesigen Warmhaltekanne, ungetoastetes Toastbrot mit Käse, Mischbrot mit Lachs, dunkles Brot mit Gurken und Tomaten. Dieser rustikale und zugleich nostalgische Imbiss entführt uns mit Blick auf die nur zwei Meter (!) entfernte Ostsee ein letztes Mal in alte Zeiten, 100, 90 oder 80 Jahre zurück, lässt uns träumen von der deutschen Zeit, der estnischen Republik. Die Bilder des Krieges ziehen leise Schatten über unsere geträumte Welt. Die 45-jährige Okkupation durch die Sowjetunion wird wie Knoblauch aus jedem Stein, jedem Haus, jedem Apparat und auch noch aus vielen Köpfen nach außen geschwitzt – man kann sich kaum dagegen wehren.

Kursaal von Haapsalu

Der Kursaal von Haapsalu von außen ...

Kursaal von Haapsalu

... und von innen

Ich glaube, der Charme des neuen Estland ist die innere Erscheinung unserer romantischen Vorstellung des alten Estland. Davon bringen uns ligadi-logadi-Lösungen (d.h. etwas "hält schon irgendwie") im Alltag genauso wenig ab wie das perfekte Internet-Estland der heutigen Tage. In einem Urlaubsroman las ich vor wenigen Tagen "wer die Geschichte nicht kennt, ist wie ein Blatt, das nicht weiß, dass es Teil des Baumes ist". Und der Titel eines 1991 erschienen Bildbandes lautete "Estland – ein Traum". Irgendwie schon, oder?

Die Heisenberg'sche Unschärferelation lehrt uns aber, dass wir umso weniger genau erkennen, je mehr wir uns bemühen, ins Detail hinzuschauen. Also treten wir gemeinsam zurück und betrachten uns als geistigen Teil Estlands, des Baltikums, Europas. Neue Freunde haben wir gewonnen und alte Freundschaften vertieft. Von Völkerverständigung mag keiner reden, das wäre viel zu abstrakt. Aber eins ist sicher: Wenn Völker und Nationen zusammenwachsen sollen, dann nur dadurch, dass Menschen sich nahe kommen und sich verstehen. So wollen wir es wieder und wieder tun. Nägemiseni! Bis zum Wiedersehen!

Tallinn

Ein letzter Blick über Tallinn. Postkartenmäßig? Nun ja, so sieht das wirklich aus!


Als Philatelist in Kaunas


Seit der wiedergewonnenen Unabhängigkeit 1991 stünde Kaunas etwas im Schatten der Hauptstadt Vilnius – so das gängige Urteil im Jahr 2000. Der Ort, der zwischen den Kriegen Hauptstadt und Zentrum Litauens war, liefe Gefahr, zur Provinzstadt zu verkommen.

Der erste Eindruck schon strafte dieses Urteil Lügen – Kaunas entpuppte sich als quirlige, lebendige Stadt mit geschäftigen Leuten, einem reibungslos funktionierenden Verkehrssystem mit Trolley- und privaten Minibussen, einer ausgedehnten Shopping-Meile und einer heimeligen Altstadt. An deren nur geringen Höhe der Häuser ist ein Zarenerlass "Schuld", der Gebäudehöhen über zwei Stockwerke untersagte, damit die Festungskanonen freies Schussfeld gen Preussen hatten.

Was hatte Kaunas nun dem Philatelisten zu bieten?


Juozas Gaučas

Ausgestattet mit einer Adressenliste von Witold Fugalewitsch, machte ich mich Anfang August 2000 nach einem erholsamen Ostseeurlaub auf der Kurischen Nehrung auf den Weg, dies genauer zu erkunden. Schon die erste Adresse erwies sich als vortreffliche Wahl: Leonas Veržbolauskas, ein versierter, in der "Szene" bekannter Philatelist, der viele Türen zu öffnen vermochte. Eine der interessantesten, von ihm ermöglichten Begegnungen fand gleich am zweiten Tag meines Aufenthaltes statt.

Lit-386

Mi 386

Lit-396

Mi 396

Lit-398

Mi 398


Für Philatelisten mit tiefergehendem Interesse an Markengestaltung und -entstehung ist das Zusammentreffen mit Graphikern immer ein Erlebnis. Leonas Veržbolauskas war es schon vor einiger Zeit gelungen, Juozas Gaučas zu entdecken, welcher einige Vorkriegsmarken Litauens entworfen hatte: Darius´ und Girenas´ Flugzeug "Lituanica" über dem Meer (Michel-Nr. 386), die 10 Cent- und die 35 Cent-Marke aus der Freimarkenausgabe 1934 (Mi 396 und 398) sowie die Marke zum Ozeanflug von F. Vaitkus (Mi 405–407).


Juozas Gaučas lebte im Jahr 2000 94-jährig praktisch unerkannt in einer Vorstadt von Kaunas. Ein Interview mit ihm war in einer litauischen Zeitschrift veröffentlicht worden. Der Grafiker und ehemalige Hobbyflieger, ein Schüler des in Litauen berühmten Malers Antanas Žmuidzinavičius, vermochte sich noch geistig rege über die hinter seinen Entwürfen stehenden Konzepte zu äußern. Er gewann mit diesen mehrere erste Preise in von der litauischen Post ausgeschriebenen Wettbewerben.

Lit-405

Mi 405

Lit-4066

Mi 406

Lit-407

Mi 407

Weitere Entwürfe neben den abgebildeten wurden nicht als Marken angenommen und existieren nur als Essays. Sein Entwurf der Smetona-Ausgabe von 1934 gewann zusammen mit dem zum Druck angenommenen Entwurf den 1. Preis und unterschied sich von der Marke letztlich nur durch einen runden statt eines eckigen Rahmens.


Antanas Žmuidzinavičius

Teufelsmuseum

Exponate aus Žmuidzinavičius' Teufelsmuseum (Quelle: Wikipedia)

Dies Zusammentreffen zog natürlich den Besuch des Žmuidzinavičius-Museums (gegenüber dem Čurlionis-Museum) nach sich. Der Maler und Graphiker hat selbst mehrere Marken entworfen, darunter nicht wenige der "7-Tage-Ausgaben", und war ein anerkannter Maler, ohne dabei die Bedeutung Čurlionis´ erlangt zu haben. Er bekleidete mehrere hohe Ämter im künstlerischen Bereich, dies auch noch zur Sowjetzeit. Heute allerdings kennt ihn jeder Besucher von Kaunas als Urheber des "Teufels-Museums", welches wohl einzigartig in der Welt ist und Teufelsdarstellungen verschiedenster Art aus der Sammlung Žmuidzinavičius´ enthält. Auch heute noch wird die Sammlung ständig erweitert.

Leonas Veržbolauskas war es wieder zu verdanken, das nicht allgemein zugängliche Wohnhaus mit Bilderausstellung und Dachatelier zu Gesicht zu bekommen. Die Markenentwürfe ruhten allerdings in den Tiefen des Magazins – wie lange wohl noch?

Teufelsmuseum

Teufelsmuseum
(Quelle: Turizmogidas.lt)


Antanas Jankauskas

Der Ingenieur Antanas Jankauskas, Herausgeber eines detaillierten Kataloges der neuen Marken Litauens, arbeitet in den städtischen Elektrizitätswerken von Kaunas. Der Besuch in seinem Büro inmitten einer Flut von technischen Zeichnungen zeigte einen dynamischen und engagierten Philatelisten, der mehrere Ersttagsbriefe sowie zwei Marken entworfen hatte: die Besteigung des Mount Everest (Mi 484 und 485).

Der Katalog ist ein Spezialwerk in Litauisch und Englisch mit vielen Informationen zum Sammelgebiet Neu-Litauen, dabei zwecks größerer Verbreitung äußerlich einfach gehalten (siehe auch Anmerkungen 2016 ganz unten).

Antanas Jankauskas

Antanas Jankauskas
(Quelle: lituanica.eu)

Lit-484-485

Mi 484-485 mit Autograph A. Jankauskas'


Druckerei Spindulys

Lit-457-464

Mi 457-464, die Engelsausgaben von 1990 (Quelle: post.lt)

Bei jedem Litauen-Sammler, ob der Vorkriegs- oder Nachkriegsmarken, erzeugt der Name Spindulys ein wissendes Kopfnicken. Die Druckerei hatte seit Mitte der zwanziger Jahre nahezu alle litauischen Marken gedruckt, ebenso die Notausgaben 1990 (die sogenannten "Engelsausgaben" Nr. 457-64), die aufgrund der sowjetischen Blockade in aller Eile hergestellt werden mussten. Auf die Frage, ob die entsprechende Druckmaschine zu besichtigen sei, hatte der technische Direktor nur eine Antwort parat: "Unmöglich". Die Sicherheitsauflagen waren infolge schlechter Erfahrungen beim Druck der Talonas-Banknoten sehr streng, so dass nur eine ministerielle Genehmigung aus Vilnius eine Besichtigung ermöglicht hätte.

Zum Abschluss unseres Besuches bekamen wir einen dicken Kunstband überreicht, der uns vom hohen Standard der Drucktechnik von Spindulys überzeugte und bewies, wie unverständlich es war, dass die neuen litauischen Briefmarken in Budapest, Haarlem oder London gedruckt wurden, nicht aber in Kaunas.


Postmuseum und Alte Post

Jeder Reiseführer über Kaunas berichtet von der Existenz eines Postmuseums. Dieses befand sich sichtbar im Stadium der Renovierung und sollte, wie uns die Direktorin versicherte, auch nach der Privatisierung der Telekom weiterbestehen. Etwas kompliziert: dieses Museum, eigentlich "Kommunikationsmuseum", unterstand dem Telefonbereich und war nun in den Besitz eines skandinavischen Konzerns übergegangen, nicht jedoch die Markenbestände. Die Folge: in den Museumsbereichen Telefon und Neue Medien wurde erheblich investiert, der Postbereich aber blieb Stiefkind.

Immerhin waren hier so wertvolle Dinge zu sehen wie Postkarten von Darius und Girėnas an den Staatspräsidenten Smetona, sowjetische Metallstempel und originale, aber leider nicht mehr funktionsfähige Ganzsachen-Automaten aus gleicher Zeit. Druckplatten und Entwürfe suchte man allerdings vergebens. Weiterhin blieb zu hoffen, dass im posthistorischen Bereich zumindest auch englischsprachige Informationstafeln angebracht würden. Ohne Leonas´ Hilfe hätte ich die Exponate kaum angemessen würdigen können.

Postmuseum

Postmuseum Kaunas (Quelle: Wikipedia)

Rechts neben dem Postmuseum befindet sich die Alte Post (Senas Paštas), die aber außer einem neu gestalteten Sonderstempel nicht viel zu bieten hatten (man vergleiche sie mit der alten Post in Klaipėda/Memel).


Hauptpost

Schalterraum Hauptpost

Schalterraum der Hauptpost

Die Hauptpost in der Fußgängerzone Laisvės Alėja (Freiheitsallee) ließ allerdings keine Wünsche offen. Die Schalterhalle, wie so vieles in Kaunas aus den 1930er Jahren, war frisch renoviert und mit Abbildungen von Vorkriegsmarken geschmackvoll dekoriert (auf einem Markenheftchen 1999 abgebildet).

Am Philatelistenschalter verschafft eine freundliche und geduldige Dame dem Sammler fast alles aus dem neuen Litauen: Einheiten, Randstücke, matten oder glänzenden Gummi, Druckvermerke... nur bei den Mühlen auf Normalpapier musste sie leider passen.

Eines der schwierigsten Unterfangen war es, neue litauische Marken mit einem schönen Rundstempel zu bekommen. Das "Lackpapier" wies die Stempelfarbe ab, die sofort verwischte. Zudem nahmen die Gummistempel durch den dauernden Gebrauch bald jede erdenkliche ovale Form an, selten ein runde. Eine freundliche Abteilungsleiterin probierte die Stempel fast aller Schalter des Postamtes durch und ließ dann den engagierten Sammler mit dem besten Exemplar selbst stempeln!


Dies waren die Erlebnisse während eines kurzen Aufenthaltes von nur dreieinhalb Tagen. Auch touristisch hatte Kaunas viel zu bieten: Neben dem Museum des bei uns weithin unbekannten Malers und Komponisten Čurlionis das schon erwähnte Teufels-Museum, das "Kriegsmuseum" mit historischen Exponaten, zwei Zahnradbahnen, der "Weiße Schwan" (das Rathaus) und – was mir besonders erwähnenswert erschien – eine selten zu findende Fülle von Bauwerken aus den 1930er Jahren. Die Stadt bildete ein Gesamtensemble aus politischen, ökonomischen und Zivilbauten, mit dem sich die Ära Smetona ein Denkmal gesetzt hatte. Kaunas war in jeder Hinsicht eine Reise wert!


Nachbemerkung (2001)

Dieser Reisebericht wurde im Sommer 2000 verfasst. Im Jahr 2001 befand die Forschungsgemeinschaft Litauen selbst Kaunas einer Reise wert und genoss, wieder mit Hilfe des Aktiven Leonas Veržbolauskas, die philatelistischen und anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Fortschritte waren bemerkenswert: Die Fußgängerzone erreichte westlichen Standard, ein Stadtfest einschließlich eines Rockkonzertes auf dem Marktplatz zeigte uns, dass die Litauer wieder Lust zur Ausgelassenheit hatten und das Postmuseum war erfreulicherweise inzwischen vollständig renoviert, ohne dass der postalische Teil zu kurz kam. Im Gegenteil, es war nun für die Forschungsgemeinschaft möglich, in den Räumen würdig ihr Jahrestreffen abzuhalten. Auch einen fachlichen Rat Leonas´ hatte man beherzigt: Die Flugpostkarte von Darius und Girėnas war nun den Zugriffen von Licht und Diebeshänden entzogen und durch eine Kopie ersetzt worden.


Nachbemerkung (2016)

Auch 16 Jahre später hat Kaunas nichts von seiner Attraktivität verloren! Im Gegenteil, die Stadt hat gegenüber der Hauptstadt Vilnius noch mehr an Profil gewonnen, einerseits als weiteres Zentrum neben Klaipėda/Memel, andererseits als etwas geruhsamere Alternative, immer noch bestimmt durch die altstädtische Bauweise ohne "Bausünden". Normalität ist seit langem eingekehrt und das Land integraler Bestandteil der EU und seit 1. 1. 2015 auch der Euro-Zone.

Leonas Veržbolauskas ist nach wie vor als Philatelist aktiv, der Designer Gaučas leider inzwischen verstorben. Das Hauptpostamt arbeitet wie gewohnt, der Philatelistenschalter fiel aber dem Rotstift zum Opfer, so dass die Beratung für Sammler, wenn überhaupt, am normalen Postschalter stattfindet. Antanas Jankauskas gelang 2012 der große Wurf mit der Herausgabe eines dicken Kataloges, der nun alle Sammelgebiete zum Thema Litauen seit 1918 umfasst (s. Abb.). Informationen kann man über die Internetseite www.lituanica.eu erhalten, dort besteht auch Bestellmöglichkeit. Die im Reisebericht empfohlenen Museen sind weiterhin zu besichtigen, was sehr zu empfehlen ist.